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Karlsruher Orte
 


 Blick auf Pyramide und Schloss

„Face Karlsruhe“

Ganz persönliche Gedanken und Gedichte zu Karlsruhe  von

Brigitte Eberhard,  Irmentraud Kiefer und Renate Schweizer -

Literatinnen des Künstlerinnen Verbands GEDOK Karlsruhe 

GEDOK Künstlerinnen Karlsruhe

 aus der Anthologie "Karlsruher Orte -

Literarische Spaziergänge

mit Grafiken von Renate Schweizer

erschienen im Info-Verlag 2010


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Brigitte Eberhard

Altes Haus, wie steht’s

altes Haus -

 

Durlach, Pfinztalstraße 59

 

Ob Sie’s glauben oder nicht: Ich bin 400 Jahre alt, habe ein paar Risse, krumme Winkel und Macken. Aber sonst…

Fürs Grundbuch bin ich ein Flurstück, für Häusliche ein Goldstück. Ende des 17. Jahrhunderts gaben mir Erbauer die jetzige Gestalt. Seither gebe ich der Straße ein Gesicht, meinen Leuten ein Dach überm Kopf. Erfüllen sie mich mit Leben, bin ich in meinem Element. Ihre Geschichten werden meine Geschichte. Die haftet mir an, hat sich über Jahrhunderte summiert.

Kann sein, ich sehe mir nicht mehr sehr ähnlich, nach all der Auf- und Abbauerei, den Um- und Anbauten, von der Einäscherung des Oberteils ganz zu schweigen. Meine Grundsteinlegung ist nicht überliefert. Anno damals waren Zeitzeugen noch weniger schriftlich und schon genau so vergesslich.

Ein Haus ist ein Haus und als solches ein Mittel zum Zweck. Seinen materiellen Wert diktiert der Markt, den gefühlten bestimmen Bewohner. Für sie bedeutet die nützliche Ansammlung von Material Hort und Heim. Das eigene Zuhause beheimatet. Heimat befriedet. Nur befriedet, können Leute Menschen werden.

Generationen kamen und gingen, manches frühe Nachbargebäude steht nicht mehr. Ich blieb standhaft, oft mehr schlecht als recht. Meine Eichenbalken ächzen aus solidem Grund. Sie sind runde 1000 Jahre alt, älter als ich und älter als Durlach, das im 12. Jahrhundert als staufische Besitzung in die Annalen einging. Zwischen schaffigen Letschebachern und aufrechten Dorlachern überdauerte ich Krieg und Frieden im Ländle.

Zeit kriegt alles hin. Menschen sind oft schneller. Der Dreißigjährige Krieg ließ weder Unheil noch Elend aus: Zerstörung, Seuchen, Hungersnot, Pest. Hat je ein Krieg dem Frieden gedient? Geschwächt aber hoffnungsvoll krempelten unermüdliche Bürger die Ärmel hoch. Eine rege Bautätigkeit begann. Jäh wurde der Aufschwung Durlachs vom Pfälzer Erbfolgekrieg beendet. Im August 1689 drangen französische Truppen plündernd und brandschatzend nach Baden vor, und Durlach fiel in Schutt und Asche. Auch über mir schlugen die Flammen zusammen. Ich brannte nieder bis auf die Grundmauern. Das Fundament hielt stand. Immer sind es stabile Fundamente und tiefe Wurzeln, die der Verwüstung trotzen. Wann mein Vorderhaus wieder aufgebaut wurde? Keiner weiß es genau. Und beim Hinterteil soll es ziemlich lange nur für den Keller gereicht haben.

Viel später, Ende des 18. Jahrhunderts, war ich soweit hergestellt, dass ich das Gasthaus Zum Kaiserhof beherbergen konnte. Drinnen ging’s hoch her, umtriebig und bunt. Zu bunt? Hinter vorgehaltener Hand wurde vom Haus der „Freude“ gemunkelt. Mein dunkelster Fleck soll ein Blutfleck gewesen sein, von meuchelnder Hand im Vorderhaus hinterlassen. Ungeachtet dessen hat die Wäscherei Schüßler gründliche Arbeit geleistet, derweil nebenan Josefine Bertels in der Modeschneiderei stichelte. Heraus kamen Kleider, die  Leute machten. Für Körperertüchtigung, neumodisch Fitness, sorgte tags Sport Heinrich, nächtens der Ballsaal im Hinterhaus, um 1900 herum fertiggestellt.

Ja, ich gab braven und unbraven Bürgern ein Heim, flatterhaften Fahnen einen Halt, in schwarzen, roten und braunen Zeiten, worüber meine Straße mehrfach den Namen wechselte, je nachdem, woher der Wind wehte. Wann lernen Menschen aus gestapeltem Wissen?

Kaum hatte sich Durlach, die rote Hochburg, genannt Klein Moskau, braun gefärbt, folgte 1938 die Zwangsehe mit Karlsruhe, was besonders die Gemüter der Durlacher heftig erhitzte. Bald wurde der Aufruhr übertroffen von der Braunen Pest. Macht Wahn Sinn, herrscht Wahnsinn. Der Herrscher, genannt Führer, stellte alles andere in den Schatten. Doch jede Wahrheit des Augenblicks kommt unter die Lupe der Zeit. Unbestechlich und mächtiger als Worte bestimmt sie Recht und Unrecht.

Ich kam im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise glimpflich davon. Seither herrscht Ruhe nach dem Sturm - vor dem Sturm?

Gleichwohl. Ich bin ein ehrenwertes Haus mit bewegter Vergangenheit,  weshalb ich habe, was Menschen das gewisse Etwas nennen. Meinen herben Charme verdanke ich der Tatsache, dass ich zeitlich viel drauf habe und menschlich viel drin. All das rumort in meinem Gemäuer, knarrt im Gebälk, dringt aus den Ritzen. Spürnasen folgen dem Duft. Umweltbewusste nehmen die Straßenbahn. Meine Einladung in die Durlacher Pfinztalstraße gilt. Bin eine gute Adresse im Herzen der Innenstadt.

Tue es

heute und jetzt!

Morgen und dann

Bist du nicht mehr DIE,

ist er nicht DER,

bin ich nicht mehr DAS.

 

Gegenüber der Friedrichschule finden Sie mich:

Begleitet vom Glockenspiel der Ladentür, betreten Sie Radio Kolbe. 1930 gegründet, ließ sich der Familienbetrieb in der Durlacher Pfinztalstraße 59 nieder und belebt seither das Anwesen und die Geschäftswelt der Einkaufsstraße. Nicht nur Handel, auch Kunst und Sport haben seine Geschichte geprägt. 20 Jahre in regelmäßiger Wiederkehr war der von Radio Kolbe veranstaltete Künstlertreff und DAS sportliche Ereignis, der Durlacher Erlebnislauf  ein Begriff für die Region.

Hier bin ich Mensch. Hier tret ich ein, scheint über dem Eingang zu stehen. Der Laden für Unterhaltungselektronik ist zeitgemäß bestückt, das Klima menschlich geprägt, der Service individuell. Es soll vorkommen, dass ein Laufkunde den Laden betritt und ihn als Stammkunde wieder verlässt, persönlich angesprochen, technisch beraten und dank ständig wechselnder Gemäldeausstellungen künstlerisch inspiriert. Kundenpflege ist bei Radio Kolbe in – nicht out wie beim Power-Service per Mausklick.

Seit die Kolbes den Ausruhstuhl vor die Ladentür gestellt haben, gönnt sich mancher Fußgänger eine Verschnaufpause. Wo gibt’s das heute noch - einen kostenlosen Parkplatz für mobilitätsmüde Passanten?

Haben kleine feine Fachgeschäfte mit Liebhaberwert vielleicht doch eine Zukunft – in unserer verlustreichen Profitgesellschaft?

HighTec und Klassik in klimatischer Eintracht. Im Hinterhaus sorgt Volker Rabus dafür, dass Geräusche Musik werden. Hier, in seiner Werkstatt, baut, restauriert und stimmt der renommierte Klavierbauermeister aus Bremen seit 20 Jahren Tasteninstrumente: Hammerflügel, Clavicord, Cembalo, Tafelklavier, Flügel. Die schönsten Stücke hat der Meister in sein Studio gestellt. Dort, auf höherer Ebene, genießen Kunstfreunde regelmäßig stattfindende Konzerte und regionale Kleinkunst

Auch Musikanten in spe zieht’s in die Rabus-Räume, wo sie von Musikpädagogen künstlerisch aufgebaut werden. Nicht jeder Hoffnungsträger auf der Klavierbank erreicht Konzertreife – trifft aber bald den rechten Ton.

Aller guten Dinge sind drei:

HighTec – Klassik – Schmuck

 

Wer darf glänzen mit dem,  was er hat?

Im Nebengebäude glänzt Heike Gärtner. Weil sie Gold und Silber liebt, aber nicht am Golde hängt, verkauft sie es. Der Schönheit verpflichtet, hat sie ihre Neigung zum Beruf gemacht und vor 15 Jahren vom damaligen Chef und Inhaber, dem Uhrmachermeister Fleischmann, dessen Juweliergeschäft übernommen. Wer gern tut, macht gut, tut gut. Die junge Schmuckhändlerin passt ins Bild.

Drei Unternehmen. Eine Devise: Gewinn zählt mehr als Profit.

In meinem idyllisch begrünten Innenhof finden Sie  Udo. Der Hölzerne ist ein absoluter Außenseiter und ein Kapitel für sich. Alt und aufrecht steht er da, schweigsam und doch beredt..

Salve!

Ich bin der Udo, war lange ein Namenloser unter Putz. An die Zeit im Wald erinnere ich mich vage. Dort stand ich während der ersten hundert Jahre und war damit beschäftigt, in den Himmel zu wachsen; Ringe und Rinde, Wurzeln und Windspiel, das war mein Leben.

Mit einem Schlag hat sich alles verändert. Erst schlugen sie mich, dann wurde ich die Stütze vom Haus. Leben wich aus mir. Hatte alles verloren, woran mein Harz hing. Ich nahm die Bürde auf mich und trug das Dach runde zweihundert Jahre. Unter mir fiel keinem die Decke auf den Kopf. Viele kamen und gingen. Mit dem Zählen hab ich aufgehört, ihre Namen vergessen. Rückblickend waren alle gleich. Lauthals geboren, leise gestorben, lebten sie, was das Zeug hält. Alle wollten immer das Gleiche. Um es zu kriegen, ließen sie keinen Fehler aus, erfanden jede Menge Firlefanz. Wenn ich nur an das neumodische Teil denke, das sie direkt neben mir einbauten. Die tolle Erfindung war eine gewöhnliche Einrichtung. Das ordinäre Teil war nicht ganz dicht und hat mir gewaltig gestunken. Die Wasserspülung wurde fast mein Tod.

Menschen sind ein verrücktes Volk. Kaum ist etwas aufgebaut, reißen sie es wieder ein. Ständig geht einer in die Irre. Sie leben einfach zu kurz, um zu kapieren, wo’s lang geht.

Alles kommt wieder. Trotzdem ist man vor Überraschungen nie sicher. Kürzlich gab’s ein wüstes Durcheinander. Kein Stein blieb auf dem andern. Mir schwante nichts Gutes, dachte an Krieg oder so. Damit kenn ich mich aus. Kaum hatte sich der Staub gelegt, roch ich Morgenluft. Man befreite mich vom Schutt, klopfte mir den Dreck aus den Ritzen und stellte mich aufrecht hin, mich, den alten Quertreiber. Ich fass es nicht. Bin jetzt eine Randerscheinung in exponierter Position. Den Abstand weiß ich zu schätzen, er schafft Überblick. Ich mag den Platz im Freien, auf den sie mich gestellt haben. Ich lese den Wind, und die Sonne meint es gut mit mir. Kann endlich wieder duschen.

Wegen meiner antiken Schönheit wurde ich zur Besichtigung freigegeben und mit einer prickelnden Flüssigkeit übergossen. Prima. Endlich mal was anderes. Ich bekam einen Namen und wurde feierlich meiner neuen Bestimmung übergeben. Gestaunt hab ich schon über die plötzliche Anerkennung. Sonst geizen sie damit  – bei den Alten. Fragen nach meiner Vergangenheit überhör ich. Schwamm drüber.

Seit sie mich ins rechte Licht gerückt haben, bleiben manche vor mir stehen. Bunte Vögel suchen mich heim, Kinder springen um mich herum und legen ihr Ohr an mein Holz. Dass ich das noch erlebe. Gestern sagte ein Ausgewachsener zum andern: Schau! Der schräge Typ da, das ist der Udo. Er ächzt, als wolle es sich Gehör verschaffen.

Neuerdings trage ich ein Schild. Darauf steht UDO und klein darunter Unser Denkmal Obelisk.

Ich werd doch auf meine alten Tage nicht größenwahnsinnig?

Schluss jetzt. Zurück zur Sache.

Ein Haus ist ein Haus und als solches ein Mittel zum Zweck.

Eigentlich.

Mit wohlwollender Genehmigung von

Traute und Joachim Kolbe,  Volker Rabus und Heike Gärtner.

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Irmentraud Kiefer

Die Bonifaziuskirche und Helmels fehlgeschlagene Religionserziehung

 Bonifatiuskirche in Karlsruhe

 

Diese Geschichte hat sich zugetragen, als in der Stadt noch die Rufe des Lumpensammlers und des Sandverkäufers  zu hören waren.

Der Helmel war ein rechter Lausbub. Wenn der Lumpensammler durch die Karlsruher Straßen zog, rannte er hinterher und äffte ihn nach:

„Lumbe, Aldeise, Babier!“

Das gleiche Spiel trieb er mit dem Ausrufer aus Kuppenheim, der Streusand anbot. Natürlich zog er jedes Mal einen Schweif juchzender Kinder hinter sich her. – Er, der Anführer.

Als der Helmel sein fünftes Lebensjahr beinahe überschritten hatte, schlug seine Großmutter vor, den Buben so allmählich an religiöse Gepflogenheiten heranzuführen. Sie könne ihn ja am Sonntag mal mitnehmen in die Bonifaziuskirche, stimmten die Eltern zu. Da saß die Oma nun stolz mit dem Helmel neben sich auf ihrem angestammten Platz in der dritten Kirchenbankreihe.

Als nun vorn am Altar Hochwürden einen für Helmels Ohren irgendwie geläufigen Singsang anstimmte, steuerte Helmel das seine dazu bei:

„Soond, Lumbe, Aldeise, Babiier!“

Man drehte die Köpfe zur dritten Reihe hin, die Großmutter erstarrte. Sie packte den Helmel am Handgelenk und zog ihn fort aus der Bank, eilte fluchtartig mit dem Buben durch den Mittelgang  – sie saß dem nun mal näher als dem Seitengang – zum Ausgang hin,  während er ständig weiter sein „Soond, Soond, Lumbe, Aldeise, Babiier“ ertönen ließ. Und noch als die Kirchentür hinter beiden zu fiel, hörte man es vom Vorplatz her litaneien: „Soond, Soond, Lumbe, Aldeise, Babiier!“

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Brigitte Eberhard:

Rose Rambler

 

Gestatten: Rambler, Rose Rambler

Er steht mir gut. Wir sind ein ungleiches Paar, der Alte und ich. Seit er die besten Jahre hinter sich hat, schmückt er sich mit mir. Als man uns zusammenbrachte, war er im Ruhestand. Weil er keine Früchte mehr trug, hat man ihn abgesägt, wollte den Rest später entsorgen. Eigentlich. Würde sein Fehlen eine Lücke hinterlassen? Die hat der grüne Daumen des Naturfreundes verhindert, zu meinem Glück und zur Zierde des Alten. Nun ist er meine Stütze. Ich verleihe ihm Würde, ersetze verlorenes Leben. Jung und Alt bedingen einander.

 Die Ramblers entstammen einer alten englischen Familie, derweil mein Hoffnungsträger aus einer Zweckgemeinschaft kommt, die Schönheit geringer wertet als Ertrag. Der allein entscheidet über Wert oder Unwert des Nutzbringers. Ohne Nutzen kein Verbleib. Es sei denn, eine kommt daher, wie ich und ersetzt mangelnden Profit durch Gewinn.

 Chinesische Einflüsse bereichern mein Erbgut. Edel bin ich, blaublütig nicht. Zart im Sommer, hart im Winter, behaupten wir unseren Platz. Gewächshäuser? Nein danke. Im Außendienst erklimmen wir mühelos Bäume und hohe Mauern, beleben alte Gesellen und triste Fassaden, verzaubern Schlösser und Burgen - märchenhaft.

Fast wären wir in Vergessenheit geraten. Nur in alten Gärten und Rosarien kamen wir vereinzelt zum Tragen. Jetzt entdeckt man uns neu, zur Freude unserer Freunde. Aufgeweckt aus dem Dornröschenschlaf, erwachen wir wieder zum Leben. Gehegt und gepflegt wurde ich zur Augenweide, dränge zum Licht, im eigenen Blütenmeer versinkend. Alle Jahre wieder.

Was Edle wie uns auszeichnet, ist Zielstrebigkeit und vornehme Blässe, Noblesse. Wir wollen hoch hinaus, am liebsten zehn, zwanzig Meter. Anders als die stolzen Verwandten sind wir biegsam bis zum Wankelmut und auf stabilen Rückhalt angewiesen. Was trägt und Aufstieg verspricht, kommt uns recht. Für Wirkung sorgen wir selbst. Einmal im Jahr zeigen wir, was in uns steckt, legen uns ins Zeug und treiben die Knospen zum Blütenwunder. Überschwänglich wird unsere Stütze mit Reichtum überschüttet, zart errötend, weißrosa.

Ich blühe in Baden-Baden, meine Verwandtschaft bereichert den Karlsruher Rosengarten:

Lady Kiftsgate, über zig Kreuzungen mit mir verschwägert, hat bei einem sehr lebendigen Gefährten ein lauschiges Plätzchen gefunden. Sie kam und siegte, wurde sein zweites Gesicht. Die zwei, der Malus und seine Lady, sind unzertrennlich, wachsen mit- und aneinander, sind so eng miteinander verbandelt, dass sie eins scheinen. Wo hört er auf, wo fängt sie an? Die Grenzen haben sich verwachsen. Gesucht und gefunden, nehmen sie sich nichts und geben sich alles.

Nahbei Venusta Pendula und ihr Gestell; wer aufsteigt, braucht Halt: Hatte sie eine Wahl? Sie nahm, was kam. Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Längst hat sie das schlichte Pendant eines Schöneren belehrt. Aus naja wurde ooo. Gleichwohl: ihren Duft behält sie für sich, die Edle von der Insel. Eine Venusta Pendula ist sich selbst genug, steht und fällt aber mit ihm, dem Sachlichen. Der Gönner hält sich zurück, tritt kaum in Erscheinung, allenfalls in der kahlen Jahreszeit. In der üppigen umschlingt die bessere Hälfte den Nützlichen mit langen weichen Trieben, klettert hoch an ihm, bis jenem bleibt, was ihm zusteht: eine tragende Nebenrolle, die seine Machart vergessen lässt.

Wie klingt das Ettenbühler Glöckchen? Man kann es riechen hören - im Karlsruher Rosengarten. Dort läutet es rosige Zeiten ein, sobald seine Zeit gekommen ist.

Die Rambler von Scarman, genannt Ettenbühler Glöckchen, verdankt den besonderen Reiz ihrer kleinen weißen Blüten, die wie Glöckchen wirken, womit sie nicht geizt. Als Viel- und Langblüherin schätzt die Lady Nachtruhe, was sie öffentlich kundtut. Kaum kommt der Abend, schließt sie ihre Glöckchen. Tags sind die büschelweise im Einsatz, bimmeln drei Wochen lang, plus Zugabe. Für die sorgen der Himmel und ein grüner Daumen. Natürlich.

   Rambler Rose Kiftsgate

 Rambler Rose Venusta Pendula

 Rambler Rose Ettenbühler Glöckchen

 

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Irmentraud Kiefer

Die Hofapotheke           

Hofapotheke in Karlsruhe                  

Es wird erzählt, daß sich um 1910 herum  Großherzog Friedrich II. in diesem Haus die Zähne behandeln ließ. Wenn sich seine Durchlaucht zur Behandlung einstellte, mußten im Stockwerk über der Apotheke, also in der Wohnung des Apothekers, entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. Das Hauspersonal wurde angewiesen, den großen Eßtisch aus dem Wohnzimmer zu tragen und den Behandlungsstuhl aus der nebenan liegenden Praxis herüber zu hieven. Ob das gemütliche Interieur allerdings dazu beigetragen hat, dem Großherzog die Schmerzen einer Zahnbehandlung zur damaligen Zeit zu ersparen, darf wohl bezweifelt werden.

Heute jedenfalls sind in den oberen Etagen das Warenlager der Apotheke und nüchterne Geschäftsräume untergebracht, aber man kann sich fragen, ob dort in den Nächten nicht vielleicht hin und wieder ein fürstlicher Seufzer herumgeistern mag?

 ...

 In ihren Anfängen – seit dem Jahre 1718 - wurde die Hofapotheke als Leibapotheke des Markgrafen Karl Wilhelm im Küchenbau des Karlsruher Schlosses eingerichtet. Sie diente zunächst nur den Angehörigen des markgräflichen Hofes und den öffentlichen Krankeninstituten zur Versorgung mit  Arzneimitteln. Aber auch die Armen der Stadt erhielten dort Medikamente.

Als 1761 die Hofapotheke in den Bibliotheksbau zwischen Schloß und Marstall verlegt wurde, befand sie sich unmittelbar neben dem seinerzeit berühmten Naturalienkabinett der Markgräfin. Noch heute lagern in der Hofapotheke die Heilpflanzen und Teedrogen in den sogenannten Brandtruhen aus dem 18. Jahrhundert, als die Apotheke sich noch im Karlsruher Schloß befand.

1833 wechselte die  Hofapotheke, dem Geist der Zeit folgend, ihr Domizil und zog ins ehemalige Palais der Markgräfin Amalie gegenüber ihrem heutigen  Standort, doch immer in der Nähe des Schlosses, bzw. der Waldstraße gelegen.  Erst  1881 kam sie

dort unter, wo sie heute steht, nämlich Ecke Wald- und Lange- bzw. Kaiserstraße, zunächst aber noch in einem Haus, das in den 1890er Jahren abgerissen wurde. 1900/01 wurde ihr sodann  durch den Architekten Hermann Billing an derselben Stelle, heute Kaiserstraße 201,  eine wahrhaft repräsentative Bleibe errichtet, „zur Nutzung der ehemaligen großherzoglichen Hof-Apotheke“, wie es hieß.

Die älteste Apotheke Karlsruhes, Ecke Wald- und Kaiserstraße, ist ein Kleinod in der Karlsruher Fußgängerzone,  nicht nur von außen, auch in ihrem Innern. Über dem Verkaufstisch befindet sich noch ein Jugendstil-Leuchter aus der Gründerzeit. Eine Wendeltreppe führt ins Obergeschoß zum Warenlager. Rechts außen am Haus symbolisiert eine Steinskulptur die griechische Göttin Hygieia mit der Schlange, von der Göttin der Gesundheit aus einer goldenen Schale genährt. Links Hypnos, der Gott des Schlafes, mit der Eidechse.

Wappen der Hofapotheke

 

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Renate Schweizer

"Karlsruhe kennen Karlruhe lieben...?"

Eine Gedanken-Revue

Immer wieder werde ich von Freunden, die ich hier nicht habe, gefragt „Warum Karlsruhe?!“ und je länger ich in der Stadt lebe, um so mehr ... zieht es mich von ihr weg, Richtung Hauptstadt, der Kultur entgegen.

Nein, ich will nicht ungerecht sein. Die Sonne scheint hier häufiger als in der Metropole. Und Frankreich, die Schweiz sind nah und gut zu erreichen, dank KVV immer leichter und bequemer.

Vielleicht drückt mir die Schwüle auf’s Gemüt, die tropische Hitze im Sommer. Andere reisen dafür, teuer und weit.

In den 70 iger Jahren hörte ich von Karlsruhe zum ersten Mal. Die RAF ermordete Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinen Fahrer Wolfgang Göbel und den Justizbeamten Georg Wurster. Der 7. April 1977 war ein Schreckenstag für Bürger, die Justiz, den Staat. Es war die Zeit des linken Terrors.  

Damals war ich nur einmal in Karlsruhe. Im "Dörfle" habe ich einen Kulturschock erlebt und in einem der Kinos dort „unter’m Dirndl wird gejodelt mit Konstantin Wecker in einer Nebenrolle. Danach bin ich schnell weiter nach Straßbourg zum Frühstücken.

Anfang der 80iger in Bochum Stefan Blinn gesehen, ein Marionettenspieler aus Karlsruhe. Bei mir wohnte ein Christian von Klahr.  Er fand’s lustig, die Polizei nicht.

Doch was um Himmels Willen hat mich in den 90igern vom Ruhrpott nach Karlsruhe getrieben,? Nach all den Zwischenjahren ruhelosen Wanderns und Umherziehens die „Ruhe“ vielleicht? Oder die Nähe zur Heimat?

Die „Wirkstatt“ war’s, mit ihren Percussion- und Trommelfesten, workshops und toskanischen Celidonia. Das Marotte-Figurentheater, das Afrika-Festivaldie Alb, Bad Herrenalb und die  Lechler-Klinik.

Mitte der 90 iger Jahre hatte ich erwartet, dass die Frauenbewegung auch in Karlsruhe angekommen sei. Mit lila Fahne und Lippen radelte ich am internationalen Frauentag  zur Frauendemo auf     dem Kronenplatz.  Doch außer mir trug keine die  Farbe und          kleine Kirche Karlsruhe

mein Fähnchen wehte einsam im bewegten Demowind.

Nichtsdestotrotz gab es eine kleine wagemutige Truppe Frauen in Karlsruhe, die sich einen „Palast für Frauen“ wünschten. Engagiert, voll Fantasie und Witz wirbelten sie so manche Jahre – ehrenamtlich – doch irgendwann waren Kraft und Hoffnung versiegt, Träume verschliessen und eine großartige  Idee begraben. Das Kind „Frauen am Markt“ konnte nur ein paar Jahre bestehen.

 

 Zwar ist Karlsruhe die Geburtsstätte der GRÜNEN und des ersten Gymnasiums für Mädchen in diesem Lande, aber eine grüne Bürgermeisterin Monika Knoche oder Mo Storck wollte man nicht und schon gar keine  Frau als Oberbürgermeisterin aus der SPD wie Heinke Salisch. 

 

Dafür aber ist der KSC (Karlsruher Sportclub)  ein wichtiges Karlsruher Kind. Winfried Schäfer, damals hochgeschätzt, später entlassen, wie viele nach ihm.

 Karlsruhe ist in Deutschland bekannt durch Terroranschläge, KSC und Roland Schmider. Ach ja, Regina Halmich nicht zu vergessen.

Zur Bundesgartenschau und zur Kulturhauptstadt hat es Karlsruhe nicht geschafft. Als „Stadt des Rechts“ zu punkten zu wollen war der Jury vielleicht doch zu staubtrocken.

 Und die Kultur in Karlsruhe...?

 Architektur, Bildende Kunst, Musikhochschule und KIT, ZKM, Städtische Galerie und die ART, das Staatstheater und Kreativpark Ost.... eine Tageszeitung, die den öffentlichen Wert von Kultur in Karlsruhe bestimmt. ...und viele Einzelkämpfer, denen das Wasser bis zum Hals steht.

Aber es wird gebaut in Karlsruhe. Gebaggert und Eingerissen. Das kurbelt die Wirtschaft an. Bürgerentscheide werden abgeschmettert – die U-Strab musste her.

Wer bloß ist für die Gesamtarchitektur  der Stadt verantwortlich?

Es gibt, wie in anderen Städten auch, gute Adressen und weniger gute. So war meine erste Wohnung in der Jollystraße gegenüber der „Jollystube“ und dem Haus mit  Sozialhilfeempfängern eine schlechte im sonst gutbürgerlichen Südweststadtviertel. Da zieht sich eine unsichtbarte Wertelinie durch die Straßen und Wohnbauten.

„Wer den Tod nicht scheut, geht nach Oberreut“ ist da schon eindeutig offen und ehrlich.

Auf dem Boden und in den Räumen einer ehemaligen Munitionsfabrik  in der Südweststadt entstand Brut- und Geburtsstätte für Intellekt, Wissenschaft, Technologie,  Kunst, Philosophie in einem. Das ZKM.  Daneben wurden einst idyllische  Versteck- und Spielplätze zu einem Gewerbe-Wohngebiet namens Lorenzpark plattgewalzt.  Für wildwuchernde Phantasiepfänzchen  außerhalb der musealen Hochschulmauern ist im Südwesten der Stadt kein Körnchen mehr zu finden.

Dafür hat Karlsruhe aber eine Stadtmarketing GmbH, die alles gibt, die Stadt größer zu machen. Mit riesigen Schildern und Muttertagsherzen schallt’s bis zu den  Autobahnauffahrten wie viel Karlsruhe vor hat und dass so viel hinter Karlsruhe steckt. Die erste Email, das Fahrrad von Drais, das größte Herz,  das größte Schild, DAS FEST. und neu, dass Karlsruhe in Ideen badet...

Alternative Projekte von einst haben sich etabliert und profiliert.  Im Tollhaus tollt das Kapital und wenn man sich die neuen Bauten im Kreativpark Ost anschaut, muss auch in Karlsruhe die Korruption eingekehrt sein.  Oder wer hat da den Anbau bestochen....?

 

So ist rückblickend für mich zu sehen, daß Karlsruhe - wahrscheinlich so wie überall -  eine Stadt der Karle ist und nicht der Karlas. Ob Karlsruhe aber in der Zukunft vielleicht doch ein Ort werden kann für Evas, Judiths und andere Rebellinnen, wird sich zeigen. Ich wünsche es mir jedenfalls...sehr. (Immerhin gibt es hier die GEDOK und eine Welten-Bürger-Decke für Karlsruhe zum 300. Stadtgeburtstag

Damit wäre doch eigentlich...  ein  Anfang gemacht....)

 

Die naive Frage sei mir hier erlaubt:

Wohin kommt eine Stadt, eine Gesellschaft, ein Land, wenn das Kapital, die Politik und  die Wirtschaft die  Muse und  Kunst bestimmen?

Karlsruhe ist eine Stadt, die sich bemüht. Um Ansehen und Anerkennung über die badische Region hinaus. Sie hat auch einiges zu bieten: die Alb, das Grün und die Fahrradwege. Das liebe ich an Karlsruhe. Bislang nicht mehr und nicht weniger...

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Karlsruhe 2010 "Face Karlsruhe"

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Renate Schweizer, ist interdisciplinäre Künstlerin und Poetin und studierte Figurentheater in Bochum sowie intermediale Kunst am Arts-Institute of Boston, USA und lebt seit 1993 in Karlsruhe.  Seit 1983 Publikationen in der Kölner Stadtrevue ( Literarische Paradiesvögel), im Verlag Gisela Meussling Bonn, Verlag Kleine Schritte, Bonn, Cadmos -Verlag, Bempflingen und in vielen Anthologien. Internationale Auftritte u.a. 1982 auf dem Figurentheaterfestival FIDENA und 1983 auf dem Europäischen Figurentheaterfestival in Hongkong.  Internationale Ausstellungen in USA, Russland, Australien, Süd Korea, England, Italien, Frankreich, Polen, Rumänien, Israel, Indien. Internationale Auszeichnungen und Stipendien. 

Projekt 2015 – eine Welten-Bürger-Decke für Karlsruhe unter

www.karlsruher-kunstgalerie.eu

Autorin in Baden-Württemberg

Brigitte Eberhard

Ich schreibe wie ich bin, gereimt und ungereimt, Sprüche, Gedichte, Geschichten. Ich bin Mitglied der GEDOK Karlsruhe, mein neues Buch ist Vielharmonie - Band 2, Meine Bücher sind erschienen bei
DeKi Verlag Herxheim, VinScript Literatur und Kultur, Bad Bergzabern (Pfalz)

www.Brigitte-Eberhard.de


Irmentraud Kiefer

1935 in Pforzheim geboren, Berufstätigkeit in Journalismus und Lektorat
seit 1988 schriftstellerische Veröffentlichungen, Erzählungen, Gedichte, Essays für Erwachsene, später auch Erzählungen und Verse für Kinder, Lesungen in Mundart für Erwachsene und Kinder
2005 erscheint „Damals in Palästina"
Preise aus Wettbewerben:
‘Autoren für die Rettung des Waldes’, ausgeschrieben von Bundespräsident Richard von Weizäcker
’40 Jahre Bundesrepublik Deutschland’, ‘Europa wächst zusammen’, ‘Wir sind ein Volk - Sind wir ein Volk?’ alle Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und Sachsen
‘Stadtmenschen’, GEDOK Rhein-Main-Taunus; Mitglied der GEDOK Karlsruhe

Autorin in Baden-Württemberg

 

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