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Karlsruher Orte
 


 Blick auf Pyramide und Schloss

„Karlsruher Orte“

Ganz persönliche Gedanken und Gedichte zu Karlsruhe  von Brigitte Eberhard,  Irmentraud Kiefer, Karin Bruder, Angela Hornbogen-Merkl  und Renate Schweizer - Literatinnen des Künstlerinnen Verbands GEDOK Karlsruhe 

GEDOK Künstlerinnen Karlsruhe

 

mit Grafiken von Renate Schweizer



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Brigitte Eberhard

Altes Haus, wie steht’s

altes Haus -

 

Durlach, Pfinztalstraße 59

 

Ob Sie’s glauben oder nicht: Ich bin 400 Jahre alt, habe ein paar Risse, krumme Winkel und Macken. Aber sonst…

Fürs Grundbuch bin ich ein Flurstück, für Häusliche ein Goldstück. Ende des 17. Jahrhunderts gaben mir Erbauer die jetzige Gestalt. Seither gebe ich der Straße ein Gesicht, meinen Leuten ein Dach überm Kopf. Erfüllen sie mich mit Leben, bin ich in meinem Element. Ihre Geschichten werden meine Geschichte. Die haftet mir an, hat sich über Jahrhunderte summiert.

Kann sein, ich sehe mir nicht mehr sehr ähnlich, nach all der Auf- und Abbauerei, den Um- und Anbauten, von der Einäscherung des Oberteils ganz zu schweigen. Meine Grundsteinlegung ist nicht überliefert. Anno damals waren Zeitzeugen noch weniger schriftlich und schon genau so vergesslich.

Ein Haus ist ein Haus und als solches ein Mittel zum Zweck. Seinen materiellen Wert diktiert der Markt, den gefühlten bestimmen Bewohner. Für sie bedeutet die nützliche Ansammlung von Material Hort und Heim. Das eigene Zuhause beheimatet. Heimat befriedet. Nur befriedet, können Leute Menschen werden.

Generationen kamen und gingen, manches frühe Nachbargebäude steht nicht mehr. Ich blieb standhaft, oft mehr schlecht als recht. Meine Eichenbalken ächzen aus solidem Grund. Sie sind runde 1000 Jahre alt, älter als ich und älter als Durlach, das im 12. Jahrhundert als staufische Besitzung in die Annalen einging. Zwischen schaffigen Letschebachern und aufrechten Dorlachern überdauerte ich Krieg und Frieden im Ländle.

Zeit kriegt alles hin. Menschen sind oft schneller. Der Dreißigjährige Krieg ließ weder Unheil noch Elend aus: Zerstörung, Seuchen, Hungersnot, Pest. Hat je ein Krieg dem Frieden gedient? Geschwächt aber hoffnungsvoll krempelten unermüdliche Bürger die Ärmel hoch. Eine rege Bautätigkeit begann. Jäh wurde der Aufschwung Durlachs vom Pfälzer Erbfolgekrieg beendet. Im August 1689 drangen französische Truppen plündernd und brandschatzend nach Baden vor, und Durlach fiel in Schutt und Asche. Auch über mir schlugen die Flammen zusammen. Ich brannte nieder bis auf die Grundmauern. Das Fundament hielt stand. Immer sind es stabile Fundamente und tiefe Wurzeln, die der Verwüstung trotzen. Wann mein Vorderhaus wieder aufgebaut wurde? Keiner weiß es genau. Und beim Hinterteil soll es ziemlich lange nur für den Keller gereicht haben.

Viel später, Ende des 18. Jahrhunderts, war ich soweit hergestellt, dass ich das Gasthaus Zum Kaiserhof beherbergen konnte. Drinnen ging’s hoch her, umtriebig und bunt. Zu bunt? Hinter vorgehaltener Hand wurde vom Haus der „Freude“ gemunkelt. Mein dunkelster Fleck soll ein Blutfleck gewesen sein, von meuchelnder Hand im Vorderhaus hinterlassen. Ungeachtet dessen hat die Wäscherei Schüßler gründliche Arbeit geleistet, derweil nebenan Josefine Bertels in der Modeschneiderei stichelte. Heraus kamen Kleider, die  Leute machten. Für Körperertüchtigung, neumodisch Fitness, sorgte tags Sport Heinrich, nächtens der Ballsaal im Hinterhaus, um 1900 herum fertiggestellt.

Ja, ich gab braven und unbraven Bürgern ein Heim, flatterhaften Fahnen einen Halt, in schwarzen, roten und braunen Zeiten, worüber meine Straße mehrfach den Namen wechselte, je nachdem, woher der Wind wehte. Wann lernen Menschen aus gestapeltem Wissen?

Kaum hatte sich Durlach, die rote Hochburg, genannt Klein Moskau, braun gefärbt, folgte 1938 die Zwangsehe mit Karlsruhe, was besonders die Gemüter der Durlacher heftig erhitzte. Bald wurde der Aufruhr übertroffen von der Braunen Pest. Macht Wahn Sinn, herrscht Wahnsinn. Der Herrscher, genannt Führer, stellte alles andere in den Schatten. Doch jede Wahrheit des Augenblicks kommt unter die Lupe der Zeit. Unbestechlich und mächtiger als Worte bestimmt sie Recht und Unrecht.

Ich kam im Zweiten Weltkrieg vergleichsweise glimpflich davon. Seither herrscht Ruhe nach dem Sturm - vor dem Sturm?

Gleichwohl. Ich bin ein ehrenwertes Haus mit bewegter Vergangenheit,  weshalb ich habe, was Menschen das gewisse Etwas nennen. Meinen herben Charme verdanke ich der Tatsache, dass ich zeitlich viel drauf habe und menschlich viel drin. All das rumort in meinem Gemäuer, knarrt im Gebälk, dringt aus den Ritzen. Spürnasen folgen dem Duft. Umweltbewusste nehmen die Straßenbahn. Meine Einladung in die Durlacher Pfinztalstraße gilt. Bin eine gute Adresse im Herzen der Innenstadt.

Tue es

heute und jetzt!

Morgen und dann

Bist du nicht mehr DIE,

ist er nicht DER,

bin ich nicht mehr DAS.

 

Gegenüber der Friedrichschule finden Sie mich:

Begleitet vom Glockenspiel der Ladentür, betreten Sie Radio Kolbe. 1930 gegründet, ließ sich der Familienbetrieb in der Durlacher Pfinztalstraße 59 nieder und belebt seither das Anwesen und die Geschäftswelt der Einkaufsstraße. Nicht nur Handel, auch Kunst und Sport haben seine Geschichte geprägt. 20 Jahre in regelmäßiger Wiederkehr war der von Radio Kolbe veranstaltete Künstlertreff und DAS sportliche Ereignis, der Durlacher Erlebnislauf  ein Begriff für die Region.

Hier bin ich Mensch. Hier tret ich ein, scheint über dem Eingang zu stehen. Der Laden für Unterhaltungselektronik ist zeitgemäß bestückt, das Klima menschlich geprägt, der Service individuell. Es soll vorkommen, dass ein Laufkunde den Laden betritt und ihn als Stammkunde wieder verlässt, persönlich angesprochen, technisch beraten und dank ständig wechselnder Gemäldeausstellungen künstlerisch inspiriert. Kundenpflege ist bei Radio Kolbe in – nicht out wie beim Power-Service per Mausklick.

Seit die Kolbes den Ausruhstuhl vor die Ladentür gestellt haben, gönnt sich mancher Fußgänger eine Verschnaufpause. Wo gibt’s das heute noch - einen kostenlosen Parkplatz für mobilitätsmüde Passanten?

Haben kleine feine Fachgeschäfte mit Liebhaberwert vielleicht doch eine Zukunft – in unserer verlustreichen Profitgesellschaft?

HighTec und Klassik in klimatischer Eintracht. Im Hinterhaus sorgt Volker Rabus dafür, dass Geräusche Musik werden. Hier, in seiner Werkstatt, baut, restauriert und stimmt der renommierte Klavierbauermeister aus Bremen seit 20 Jahren Tasteninstrumente: Hammerflügel, Clavicord, Cembalo, Tafelklavier, Flügel. Die schönsten Stücke hat der Meister in sein Studio gestellt. Dort, auf höherer Ebene, genießen Kunstfreunde regelmäßig stattfindende Konzerte und regionale Kleinkunst

Auch Musikanten in spe zieht’s in die Rabus-Räume, wo sie von Musikpädagogen künstlerisch aufgebaut werden. Nicht jeder Hoffnungsträger auf der Klavierbank erreicht Konzertreife – trifft aber bald den rechten Ton.

Aller guten Dinge sind drei:

HighTec – Klassik – Schmuck

 

Wer darf glänzen mit dem,  was er hat?

Im Nebengebäude glänzt Heike Gärtner. Weil sie Gold und Silber liebt, aber nicht am Golde hängt, verkauft sie es. Der Schönheit verpflichtet, hat sie ihre Neigung zum Beruf gemacht und vor 15 Jahren vom damaligen Chef und Inhaber, dem Uhrmachermeister Fleischmann, dessen Juweliergeschäft übernommen. Wer gern tut, macht gut, tut gut. Die junge Schmuckhändlerin passt ins Bild.

Drei Unternehmen. Eine Devise: Gewinn zählt mehr als Profit.

In meinem idyllisch begrünten Innenhof finden Sie  Udo. Der Hölzerne ist ein absoluter Außenseiter und ein Kapitel für sich. Alt und aufrecht steht er da, schweigsam und doch beredt..

Salve!

Ich bin der Udo, war lange ein Namenloser unter Putz. An die Zeit im Wald erinnere ich mich vage. Dort stand ich während der ersten hundert Jahre und war damit beschäftigt, in den Himmel zu wachsen; Ringe und Rinde, Wurzeln und Windspiel, das war mein Leben.

Mit einem Schlag hat sich alles verändert. Erst schlugen sie mich, dann wurde ich die Stütze vom Haus. Leben wich aus mir. Hatte alles verloren, woran mein Harz hing. Ich nahm die Bürde auf mich und trug das Dach runde zweihundert Jahre. Unter mir fiel keinem die Decke auf den Kopf. Viele kamen und gingen. Mit dem Zählen hab ich aufgehört, ihre Namen vergessen. Rückblickend waren alle gleich. Lauthals geboren, leise gestorben, lebten sie, was das Zeug hält. Alle wollten immer das Gleiche. Um es zu kriegen, ließen sie keinen Fehler aus, erfanden jede Menge Firlefanz. Wenn ich nur an das neumodische Teil denke, das sie direkt neben mir einbauten. Die tolle Erfindung war eine gewöhnliche Einrichtung. Das ordinäre Teil war nicht ganz dicht und hat mir gewaltig gestunken. Die Wasserspülung wurde fast mein Tod.

Menschen sind ein verrücktes Volk. Kaum ist etwas aufgebaut, reißen sie es wieder ein. Ständig geht einer in die Irre. Sie leben einfach zu kurz, um zu kapieren, wo’s lang geht.

Alles kommt wieder. Trotzdem ist man vor Überraschungen nie sicher. Kürzlich gab’s ein wüstes Durcheinander. Kein Stein blieb auf dem andern. Mir schwante nichts Gutes, dachte an Krieg oder so. Damit kenn ich mich aus. Kaum hatte sich der Staub gelegt, roch ich Morgenluft. Man befreite mich vom Schutt, klopfte mir den Dreck aus den Ritzen und stellte mich aufrecht hin, mich, den alten Quertreiber. Ich fass es nicht. Bin jetzt eine Randerscheinung in exponierter Position. Den Abstand weiß ich zu schätzen, er schafft Überblick. Ich mag den Platz im Freien, auf den sie mich gestellt haben. Ich lese den Wind, und die Sonne meint es gut mit mir. Kann endlich wieder duschen.

Wegen meiner antiken Schönheit wurde ich zur Besichtigung freigegeben und mit einer prickelnden Flüssigkeit übergossen. Prima. Endlich mal was anderes. Ich bekam einen Namen und wurde feierlich meiner neuen Bestimmung übergeben. Gestaunt hab ich schon über die plötzliche Anerkennung. Sonst geizen sie damit  – bei den Alten. Fragen nach meiner Vergangenheit überhör ich. Schwamm drüber.

Seit sie mich ins rechte Licht gerückt haben, bleiben manche vor mir stehen. Bunte Vögel suchen mich heim, Kinder springen um mich herum und legen ihr Ohr an mein Holz. Dass ich das noch erlebe. Gestern sagte ein Ausgewachsener zum andern: Schau! Der schräge Typ da, das ist der Udo. Er ächzt, als wolle es sich Gehör verschaffen.

Neuerdings trage ich ein Schild. Darauf steht UDO und klein darunter Unser Denkmal Obelisk.

Ich werd doch auf meine alten Tage nicht größenwahnsinnig?

Schluss jetzt. Zurück zur Sache.

Ein Haus ist ein Haus und als solches ein Mittel zum Zweck.

Eigentlich.

Mit wohlwollender Genehmigung von

Traute und Joachim Kolbe,  Volker Rabus und Heike Gärtner.

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Irmentraud Kiefer

Die Bonifaziuskirche und Helmels fehlgeschlagene Religionserziehung

 Bonifatiuskirche in Karlsruhe

 

Diese Geschichte hat sich zugetragen, als in der Stadt noch die Rufe des Lumpensammlers und des Sandverkäufers  zu hören waren.

Der Helmel war ein rechter Lausbub. Wenn der Lumpensammler durch die Karlsruher Straßen zog, rannte er hinterher und äffte ihn nach:

„Lumbe, Aldeise, Babier!“

Das gleiche Spiel trieb er mit dem Ausrufer aus Kuppenheim, der Streusand anbot. Natürlich zog er jedes Mal einen Schweif juchzender Kinder hinter sich her. – Er, der Anführer.

Als der Helmel sein fünftes Lebensjahr beinahe überschritten hatte, schlug seine Großmutter vor, den Buben so allmählich an religiöse Gepflogenheiten heranzuführen. Sie könne ihn ja am Sonntag mal mitnehmen in die Bonifaziuskirche, stimmten die Eltern zu. Da saß die Oma nun stolz mit dem Helmel neben sich auf ihrem angestammten Platz in der dritten Kirchenbankreihe.

Als nun vorn am Altar Hochwürden einen für Helmels Ohren irgendwie geläufigen Singsang anstimmte, steuerte Helmel das seine dazu bei:

„Soond, Lumbe, Aldeise, Babiier!“

Man drehte die Köpfe zur dritten Reihe hin, die Großmutter erstarrte. Sie packte den Helmel am Handgelenk und zog ihn fort aus der Bank, eilte fluchtartig mit dem Buben durch den Mittelgang  – sie saß dem nun mal näher als dem Seitengang – zum Ausgang hin,  während er ständig weiter sein „Soond, Soond, Lumbe, Aldeise, Babiier“ ertönen ließ. Und noch als die Kirchentür hinter beiden zu fiel, hörte man es vom Vorplatz her litaneien: „Soond, Soond, Lumbe, Aldeise, Babiier!“

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Brigitte Eberhard:

Rose Rambler

 

Gestatten: Rambler, Rose Rambler

Er steht mir gut. Wir sind ein ungleiches Paar, der Alte und ich. Seit er die besten Jahre hinter sich hat, schmückt er sich mit mir. Als man uns zusammenbrachte, war er im Ruhestand. Weil er keine Früchte mehr trug, hat man ihn abgesägt, wollte den Rest später entsorgen. Eigentlich. Würde sein Fehlen eine Lücke hinterlassen? Die hat der grüne Daumen des Naturfreundes verhindert, zu meinem Glück und zur Zierde des Alten. Nun ist er meine Stütze. Ich verleihe ihm Würde, ersetze verlorenes Leben. Jung und Alt bedingen einander.

 Die Ramblers entstammen einer alten englischen Familie, derweil mein Hoffnungsträger aus einer Zweckgemeinschaft kommt, die Schönheit geringer wertet als Ertrag. Der allein entscheidet über Wert oder Unwert des Nutzbringers. Ohne Nutzen kein Verbleib. Es sei denn, eine kommt daher, wie ich und ersetzt mangelnden Profit durch Gewinn.

 Chinesische Einflüsse bereichern mein Erbgut. Edel bin ich, blaublütig nicht. Zart im Sommer, hart im Winter, behaupten wir unseren Platz. Gewächshäuser? Nein danke. Im Außendienst erklimmen wir mühelos Bäume und hohe Mauern, beleben alte Gesellen und triste Fassaden, verzaubern Schlösser und Burgen - märchenhaft.

Fast wären wir in Vergessenheit geraten. Nur in alten Gärten und Rosarien kamen wir vereinzelt zum Tragen. Jetzt entdeckt man uns neu, zur Freude unserer Freunde. Aufgeweckt aus dem Dornröschenschlaf, erwachen wir wieder zum Leben. Gehegt und gepflegt wurde ich zur Augenweide, dränge zum Licht, im eigenen Blütenmeer versinkend. Alle Jahre wieder.

Was Edle wie uns auszeichnet, ist Zielstrebigkeit und vornehme Blässe, Noblesse. Wir wollen hoch hinaus, am liebsten zehn, zwanzig Meter. Anders als die stolzen Verwandten sind wir biegsam bis zum Wankelmut und auf stabilen Rückhalt angewiesen. Was trägt und Aufstieg verspricht, kommt uns recht. Für Wirkung sorgen wir selbst. Einmal im Jahr zeigen wir, was in uns steckt, legen uns ins Zeug und treiben die Knospen zum Blütenwunder. Überschwänglich wird unsere Stütze mit Reichtum überschüttet, zart errötend, weißrosa.

Ich blühe in Baden-Baden, meine Verwandtschaft bereichert den Karlsruher Rosengarten:

Lady Kiftsgate, über zig Kreuzungen mit mir verschwägert, hat bei einem sehr lebendigen Gefährten ein lauschiges Plätzchen gefunden. Sie kam und siegte, wurde sein zweites Gesicht. Die zwei, der Malus und seine Lady, sind unzertrennlich, wachsen mit- und aneinander, sind so eng miteinander verbandelt, dass sie eins scheinen. Wo hört er auf, wo fängt sie an? Die Grenzen haben sich verwachsen. Gesucht und gefunden, nehmen sie sich nichts und geben sich alles.

Nahbei Venusta Pendula und ihr Gestell; wer aufsteigt, braucht Halt: Hatte sie eine Wahl? Sie nahm, was kam. Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Längst hat sie das schlichte Pendant eines Schöneren belehrt. Aus naja wurde ooo. Gleichwohl: ihren Duft behält sie für sich, die Edle von der Insel. Eine Venusta Pendula ist sich selbst genug, steht und fällt aber mit ihm, dem Sachlichen. Der Gönner hält sich zurück, tritt kaum in Erscheinung, allenfalls in der kahlen Jahreszeit. In der üppigen umschlingt die bessere Hälfte den Nützlichen mit langen weichen Trieben, klettert hoch an ihm, bis jenem bleibt, was ihm zusteht: eine tragende Nebenrolle, die seine Machart vergessen lässt.

Wie klingt das Ettenbühler Glöckchen? Man kann es riechen hören - im Karlsruher Rosengarten. Dort läutet es rosige Zeiten ein, sobald seine Zeit gekommen ist.

Die Rambler von Scarman, genannt Ettenbühler Glöckchen, verdankt den besonderen Reiz ihrer kleinen weißen Blüten, die wie Glöckchen wirken, womit sie nicht geizt. Als Viel- und Langblüherin schätzt die Lady Nachtruhe, was sie öffentlich kundtut. Kaum kommt der Abend, schließt sie ihre Glöckchen. Tags sind die büschelweise im Einsatz, bimmeln drei Wochen lang, plus Zugabe. Für die sorgen der Himmel und ein grüner Daumen. Natürlich.

   Rambler Rose Kiftsgate

 Rambler Rose Venusta Pendula

 Rambler Rose Ettenbühler Glöckchen

 

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Angela Hornbogen-Merkl

Schlangen im Musikerviertel

 

Die Wohnung war sehr groß, sie lag im Hochparterre und roch nach alten Möbeln. Für drei Monate hatte ich  dort Unterschlupf gefunden, weil mich der Kater der Besitzerin mochte. Sie wollte das Frühjahr in ihrem Ferienhaus in Spanien verbringen, aber dem alten Tier die Reise nicht mehr zumuten.

Am Tag meines Einzugs war ich fünfzig Jahre alt geworden. Eine lange Zeit der Krankheit hatte mein Leben auf den Kopf gestellt, und ich wußte nicht, ob ich wieder ganz gesund werden würde. Die Arbeitsstelle die man mir  in Karlsruhe angeboten hatte, war ein Glücksfall, an den ich noch gar nicht recht zu glauben wagte. Ich wollte mir diese Chance nicht entgehen lassen, also hatte ich meine Zelte in der Heimatstadt abgebrochen und war hierher nach Karlsruhe gezogen.

Das Zimmer, das mir Frau H.  überlassen hatte, besaß zwei Fenster die ich nachts aus Furcht vor Einbrechern geschlossen hielt. Entsprechend schlecht war es um meinen Schlaf bestellt. Zusätzlich verhedderte sich Herzig, der Kater, ständig in meinen Bettbezug, was jeweils eine umständliche Befreiungsaktion zur Folge hatte. Hinzu kam, dass die vorüberfahrenden Rettungsautos vom nahe gelegenen Klinikum  mich nahezu jede Nacht aus dem Schlaf rissen.

In vier Wochen sollte ich die neue Stelle antreten, bis dahin wollte ich eine eigene Bleibe gefunden haben. Viele Wohnungen hatte ich mir angesehen, aber keine davon war passend und zugleich bezahlbar. Da meine Erkrankung mich hin und wieder nahezu gehunfähig machte, wollte ich maximal ins erste Geschoß ziehen. Der Krankheitsverlauf sei, sagte mir der Arzt, völlig unvorhersehbar. Glücklich war ich in jener Zeit jedenfalls nicht. Tröstlich waren die heftige Zuneigung des alten Katers und die Lesestunden, die ich bei schönem Wetter unter dem Redwood Baum verbrachte. Der Baum stand in einem kleinen parkartigen Garten zwischen den Häusern. Dort fand ich Kraft wenn ich erschöpft war und mich mein Mut  verlassen wollte.

Dann begann ich, ausgedehnte Abendspaziergänge zu machen. Dadurch schlief ich zwar besser ein, träumte aber nahezu jede Nacht völlig wirres Zeug. Um es genauer zu sagen: ich träumte von Schlangen. Von kleinen und von großen Schlangen, bräunlich oder dunkelgrau gefärbt und völlig unspektakulär. Aber die Königin der Schlangen war anders. Ich  erkannte sie sofort. Ihr mehr als zwei Meter langer Leib leuchtete hellgrau. Ihre roten Augen brannten und sie trug ein goldenes Krönchen. In den Träumen gab es keine nennenswerte Handlung, die Schlangen krochen im Gras des kleinen Parks herum und verschwanden irgendwann zwischen den Wurzeln des Redwoodbaumes. Die Königin lag auf einem kleinen Hügel. Sie hielt das vordere Drittel ihres Leibes aufgerichtet und beobachtete die Umgebung. Immer wieder sah sie mich in diesen Träumen wachsam an. Stets kehrte sie als letzte in das Nest unter dem Baum zurück. Nannte man die Wohnung von Schlangen wirklich Nest? Irgendwann begann die Herrscherin der Schlangen zu mir zu sprechen. Von da an schreckte ich oft schweißgebadet aus meinen Träumen auf, ohne mich jemals an die Worte der Schlange erinnern zu können.

 

An meinem ersten Arbeitstag hatte ich dunkle Ringe unter den Augen. Obwohl ich nun ausreichend schlief, ging es mir immer schlechter. Ich gab meinen Schlangenträumen die Schuld. Krankheitssymptome flackerten wieder auf und der neue Hausarzt runzelte die Stirn über meine Blutwerte. Nach Feierabend schaffte ich es mit Mühe und Not einzukaufen, Herzig zu versorgen, und die  paar Handgriffe im Haushalt zu tun. Das Abendessen fiel oft aus und manchmal lag ich vor acht Uhr im Bett. Ich wollte mich um keinen Preis krankschreiben lassen, vielleicht hätte ich damit die neue Stelle aufs Spiel gesetzt. Die Arbeit gefiel mir und die Bezahlung war gut, aber meine Energie schmolz dahin wie Butter in der Sonne. Mittlerweile hatte ich mich mit einer meiner Kolleginnen angefreundet, sie wohnte nur eine Straße weiter und nahm mich oft mit zur Arbeit. Eine passende Wohnung hatte ich noch immer nicht gefunden. Aber fast jede Nacht raunte mir die Schlangenkönigin etwas zu, das ich nicht in den Tag hinüberretten konnte.   

 

Es war inzwischen  – es muß schon Anfang August gewesen sein - richtig warm geworden und ich saß oft unter meinem Lieblingsbaum. Bücher las ich nicht mehr, meine Konzentrationsfähigkeit war nach acht Stunden Arbeit wie weggebblasen. Ich lehnte den Kopf an die Baumrinde und versuchte, wieder zu Kräften zu kommen. An einem besonders hoffnungslosen Abend dachte ich daran, dass ich vielleicht nie mehr wieder so richtig auf die Beine kommen würde. Da hatte ich die verrückte Idee, dass mir nur noch ein Wunder helfen könnte.     Tatsächlich bat ich an jenem Abend den Baum um Hilfe und kam mir noch nicht einmal albern dabei vor.

In der darauf folgenden Nacht lud mich die Schlangenkönigin in ihr Nest ein. Es war kühl dort unter dem Baum, und es roch nach nasser Erde. Die anderen Schlangen hielten sich im  Park auf, wir waren alleine. Es wunderte mich kein bisschen, dass ich mühelos unter die Baumwurzeln gepasst hatte und nun in dieser hohen Halle stand.

"Hilf mir, mein Volk zu erlösen", sagte die Schlange mit einer tiefen, ganz unschlangenhaften Stimme.

"Dein Volk zu erlösen?", fragte ich.

"Im Uranfang waren wir gut und reinen Herzens, aber vor vielen hundert Jahren taten wir Böses und wurden dafür an diesen Platz gebannt"

"Von wem?"

"Vom höchsten Wesen, dem Einen, Gott, Allah, nenn ihn wie du willst, der Name ist nicht wichtig. Wir  haben gebüßt, und nun ist endlich unsere Zeit gekommen, wir können erlöst werden"

"Und wie?"

Ich fand, dass ich dieses Mal besonders seltsam träumte. Anderseits aber auch so klar. Dann fiel mir ein, dass man in einem Traum bestimmt nicht denken konnte, dass man träumt. Oder doch?

"Jemand muss in einem Tempel für uns beten"

"Da seid ihr bei mir an der Falschen, ich gehöre schon lange keiner Kirche mehr an."

"Das ist egal, du musst nur ein Gebet sprechen das ich dich lehren werde. Du musst es in einem Tempel sprechen, nichts weiter."

"In welchem Tempel?"

"Das ist egal, du hast die freie Wahl."

"Ich könnte es versuchen."

"Es soll dein Schaden nicht sein", raunte die Schlange, "wir werden uns dankbar erweisen."

"Also gut, warum nicht."

"Zuerst brauche ich ein Pfand von dir."

"Ein Pfand?"

"Etwas das Dir wichtig ist, an dem dein Herz hängt, wie wäre es mit der Kette um deinen Hals?"

Die silberne Kette war ein Erbstück aus dem Nachlass meiner Großmutter. Ein großer ovaler Bernstein wurde von einer Fassung in Form einer Schlange gehalten. Seltsam, dass ich  dieser Schlange noch nie viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Es ist ja nur ein Traum, dachte ich, nahm die Kette ab und legte sie vor der Schlangenkönigin auf den Boden. Der hellgraue Leib glitt über das Schmuckstück und rollte sich darauf zusammen. Ich hoffte, dass ich aufwachen würde ehe der Traum sich noch verrückter entwickelte.

"Ich werde dich jetzt das Gebet lehren, dann kannst du tun, worum ich dich gebeten habe."

 

Als ich aufwachte, hatte ich kalte Füße. Das Laken war feucht, besonders am Fußende, und ich fühlte mich so zerschlagen als bekäme ich eine Grippe. Der Traum war mir deutlich in Erinnerung geblieben. Von dem Gebet, das mich die Königin lehrte, hatte ich allerdings keinen blassen Schimmer mehr.  Ich tastete nach der Kette, sie hing nicht um meinen Hals. Hatte ich sie gestern Abend zum Duschen abgenommen und nicht wieder angelegt? Trotz intensiver Suche war sie nirgends zu finden. Ob ich sie vielleicht doch der Schlange… So ein Quatsch. Ich mußte sie verloren haben. Ich versuchte, nicht mehr an den Traum zu denken. Stattdessen bedauerte ich meine Schusseligkeit, die zum Verlust der Kette geführt hatte.

 

Trotz aller Beschwerden und Beschwerlichkeiten arbeitete ich und machte meine Sache offenbar gut. Noch ehe die Probezeit vorbei war, hatte mir die Abteilungsleiterin mitgeteilt, dass ich einen festen Vertrag bekommen würde. Ich freute mich sehr, auch wenn ich noch immer keine passende Wohnung gefunden hatte. Zum Glück wollte die alte Dame weitere vier Wochen in Spanien bleiben. Mit meiner Lieblingskollegin war ich in der Zwischenzeit befreundet. Oft luden wir uns gegenseitig zum Kaffee oder  Abendessen ein, und eines Tages lernte ich bei einem Plausch in ihrem Garten einige Frauen aus dem Stadtteil kennen. Es war eine heitere Runde. Man fragte nach meinem Woher und Wohin, ich erzählte, wo ich vorübergehend Unterschlupf gefunden hatte, und bekam eine merkwürdige Geschichte zu hören. Es ging um eine alte Villa, die einst auf dem Grundstück gestanden hatte, auf dem später die drei Mehrfamilienhäuser errichtet wurden, in deren einem ich wohnte.

Die Besitzer der Villa müssen seltsame Leute gewesen sein.  Keiner konnte sagen, woher sie stammten und seit wann sie dort lebten. Es schien, als seien sie schon immer hier gewesen, ewig unverändert, immer gleich alt, immer gleich gebrechlich. Man sah sie selten und sie sprachen mit niemandem mehr als das Nötigste. Das Grundstück war mit einer hohen Mauer umfriedet und es ging das Gerücht, dass unter dem großen Redwoodbaum bei Nacht Seltsames geschehe. Einige Burschen wollten Schlangen gesehen haben, Schlangen, die im Mondlicht tanzten. Eine von ihnen soll groß und weiß gewesen sein. Sogar eine Krone habe sie getragen. Da aber die Burschen Studenten waren, die diese Beobachtung auf dem Heimweg von einem Sommernachtsfest gemacht hatten, wollt ihnen niemand so recht glauben.

 

Auf dem Heimweg konnte ich an nichts anderes denken als an die Schlangenkönigin. Ich ging durch die breite Grünanlage ohne viel von meiner Umgebung wahrzunehmen. Plötzlich schlug direkt über meinem Kopf eine Glocke. Warum war mir dieser moderne Kirchenbau noch nie aufgefallen? Zweihundert Meter vielleicht, viel weiter war er von dem Haus, in dem  ich wohnte, sicher nicht entfernt. Der Turm war hoch und hässlich und erhob sich auf vier hohen Betonbeinen auf dem Platz vor der eigentlichen Kirche. Wie ein geschiedenes Paar, sah das von weitem aus.  Die große Eingangstür aus Metall war mit Bibelsprüchen in erhabener Schrift versehen. Die Bitte der Schlangenkönigin fiel mir wieder ein. Obwohl ich mich an das Gebet überhaupt nicht mehr erinnern konnte,  zog ich an der riesigen Tür. Ich stolperte nach nach hinten, da sie viel leichter als erwartet aufschwang. Drinnen war es dämmrig und kühl und roch, wie es in neuen Kirchen riecht: weder altehrwürdig noch feierlich, sondern auf eine Art anders, für die mir die Worte fehlten. Leise wanderte ich durch den Kirchenraum. In einer Ecke stand ein flaches Metallbecken auf niedrigen geschmiedeten Füßen. Auf einer dicken Schicht Sand standen abgebrannte Teelichter. Dazwischen lagen Zettel, auf denen in Kinderschrift allerlei Wünsche geschrieben worden waren. Ich las und es dauerte lange, bis ich endlich die Schlange bemerkte, die als Ornament um den Rand des Beckens gelegt war. Schon wieder eine Schlange. Plötzlich wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass mir das Gebet der Schlangenkönigin doch endlich  einfallen möge. Aber so sehr ich auch nachdachte, die Worte blieben verschollen. Nachdem ich meinen Rundgang beendet hatte setzte ich mich auf eine der vorderen Bänke und starrte auf das Kruzifix. Mein Kopf war leer, ein kühler Luftzug umwehte mich und dann plötzlich sprach ich Worte die ich nicht verstand. Eine unbekannte Sprache kam mir über die Lippen, ohne dass ich wusste wie.   Es dauerte lange. Dann endlich waren die fremden Worte versiegt, dick und staubig tropfte die Stille in den hohen Raum zurück. Als ich wieder draußen in der warmen Sonne stand, überkam mich zugleich ein Gefühl der Erleichterung. An diesem Abend suchte ich nach Ablenkung. Ich sah fern, hörte Radio, spielte mit Herzig, bis er nicht mehr konnte. Ja, ich packte sogar meine alte Gitarre aus und suchte mir die vergessenen Akkorde für die Lieder aus meiner Jugendzeit zusammen. Herzig lauschte meiner Darbietung mit schräg gelegtem Kopf und halb geschlossenen Augen. Aber das unheimliche Gefühl, das ich aus der Kirche mitgenommen hatte, war nicht zu verdrängen. Erstaunlicherweise schlief ich dennoch sofort ein, kaum dass ich im Bett lag. Wieder zog es mich im Traum in den Garten und unter den Redwoodbaum. Vergebens  schaute ich mich nach den Schlangen um. Rasen und Rabatten lagen still im hellen Mondlicht, nirgends eine Spur von den Tieren. Der geheime Eingang unter dem Wurzelwerk zog mich an. Dieses Mal spürte ich, wie ich mit jedem Schritt kleiner wurde, bis ich als Winzling vor dem Eingang stand, rechts und links flankiert von haushohen Wurzeln. Ich erinnere mich genau an den Weg. Als ich die Halle erreichte,  erwartete sie mich schon, die Schlangenkönigin. Kaum noch sichtbar war sie, ihr Leib bestand aus Licht und Dunst. Die Krone aus goldenem Feuer flackerte in alle Richtungen.

"Ich danke dir im Namen meines Volkes. Wir sind frei und du wirst ab heute unter dem Schutz der Schlangen stehen. Nimm dein Pfand zurück und sei dir unseres Geleits gewiss"

Sie glitt in den Hintergrund der Höhle. Zögernd trat ich näher und sah meine vermisste Kette auf dem Stein liegen. Sie kam mir größer und strahlender vor als ich sie in Erinnerung hatte. Sie wog fast nichts als ich sie mir umlegte.

"Danke!", rief ich der Königin hinterher. Noch einmal schaute sie zurück.

"Achte auf die Schlangen an deinem Weg.", flüsterte sie und verschwand wie der Rauch eines kleinen Feuers.

 

Als ich am nächsten Morgen erwachte, hing die Kette um meinen Hals als wäre sie nie weg gewesen. Sie war genauso leicht wie in meinem Traum. Im Spiegel entdeckte ich, dass mit dem Anhänger irgend etwas nicht stimmte. War die Schlange, die den Stein umrahmte, schon immer golden gewesen? Ich war mir ziemlich sicher, dass das nicht der Fall war. Ganz sicher war ich mir aber, dass die Augen der Schlange niemals aus solchen großen funkelnden Steinen bestanden hatten. Ein paar Tage später betrat ich ein Antiquitätengeschäft, das auch kostbaren alten Schmuck anbot. Der Händler sollte den Wert meines Anhängers schätzen. An einen Verkauf dachte ich nicht, vielmehr hoffte ich, auf diesem Weg herauszufinden, was für eine Bewandtnis es mit dem Erbstück hatte. Der alte Herr beugte sich interessiert über die Kette. In der folgenden Viertelstunde holte er immer größere Lupen hervor, zog diverse Fachliteratur zu Rate und strich mit dem Metall vorsichtig auf einem glatten Stein entlang. Immer wieder schüttelte er den Kopf:

"So etwas habe ich noch nie gesehen, es ist reines Gold und trotzdem so hart wie eine solide Legierung, die Steine sind nicht eingefasst sondern es scheint, als seien sie in dem Metall gewachsen. Das kann natürlich alles gar nicht sein...", stöhnend reckte er seinen Rücken gerade und sah mich ratlos an, "...aber es ist trotzdem so". Er war sichtlich enttäuscht, als ich ihm gestand, dass ich nicht an einen Verkauf dachte und ihm auch keinerlei Hinweise geben konnte, wo und von wem dieser Schmuck hergestellt worden war. Ich versprach ihm, ihn unverzüglich zu informieren, sobald ich an weitere Informationen käme.

 

All diese Ereignisse liegen schon einige Jahre zurück. Kurz nachdem ich die Kette zurückbekommen hatte, fand ich eine schöne Dachwohnung und hatte glücklicherweise den Mut, sie zu mieten. Es ging mir schon zu diesem Zeitpunkt deutlich besser und ich war wild entschlossen alles auf eine Karte zu setzen.

 

Ob es Zufall war,  dass ich wieder gesund geworden bin, kann ich nicht sagen. Viele glückliche "Zufälle" haben mein Leben in den letzten Jahren auf einen guten Kurs gebracht. Aber das Allererstaunlichste, das Verrückteste, das mir in meinem ganzen Leben geschehen ist, das, was mich zu einem anderen Menschen gemacht hat, geschah wenige Tage nach meinem Besuch in dem Antiquitätenladen. Seit ich in Karlsruhe lebte, hatte ich das Naturkundemuseum schon einige Male besucht. Vor den Terrarien, in denen auch lebende Schlangen zu sehen waren, bin ich selten stehen geblieben. Dieses Mal jedoch kam eine der Großschlangen zum Fenster und richtete sich auf, bis sie auf Augenhöhe mit mir war. Sie starrte den Anhänger an meinem Hals an.

"Sei gegrüßt, Freundin meines Volkes!"

Meine Haut zog sich zusammen, wurde heiß, wurde kalt, wurde heiß. Es dauerte lange, bis die Starre von mir wich.

"Wer gab dir das Zeichen?", fragte  die Schlange.

"Die Königin", stotterte ich.

"Du bist also die Erlöserin."

"Na ja..."

"Komm zu mir, wenn du Hilfe brauchst, frage mich wenn du Fragen hast. Nun sei gegrüßt und habe Mut auf  deinem Weg."

Die Schlange ließ sich wieder auf den Boden des Terrariums gleiten und zog sich unter einen Stein zurück.

"Sei gegrüßt Freundin Schlange!", rief ich ihr nach.

 

"Alles in Ordnung mit Ihnen?"

Der  Aufseher stand schräg hinter mir.

"Ja, alles in Ordnung, wieso fragen Sie?"

"Sie haben irgendwie komische Geräusche gemacht."

"Komische Geräusche?"

"Zischen oder Pfeifen oder so was..."

Er sah mich ratlos an. Ich lachte.

"Schlangensprache", sagte ich, "das ist die Schlangensprache".

 

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Irmentraud Kiefer

Die Hofapotheke           

Hofapotheke in Karlsruhe                  

Es wird erzählt, daß sich um 1910 herum  Großherzog Friedrich II. in diesem Haus die Zähne behandeln ließ. Wenn sich seine Durchlaucht zur Behandlung einstellte, mußten im Stockwerk über der Apotheke, also in der Wohnung des Apothekers, entsprechende Vorbereitungen getroffen werden. Das Hauspersonal wurde angewiesen, den großen Eßtisch aus dem Wohnzimmer zu tragen und den Behandlungsstuhl aus der nebenan liegenden Praxis herüber zu hieven. Ob das gemütliche Interieur allerdings dazu beigetragen hat, dem Großherzog die Schmerzen einer Zahnbehandlung zur damaligen Zeit zu ersparen, darf wohl bezweifelt werden.

Heute jedenfalls sind in den oberen Etagen das Warenlager der Apotheke und nüchterne Geschäftsräume untergebracht, aber man kann sich fragen, ob dort in den Nächten nicht vielleicht hin und wieder ein fürstlicher Seufzer herumgeistern mag?

 ...

 In ihren Anfängen – seit dem Jahre 1718 - wurde die Hofapotheke als Leibapotheke des Markgrafen Karl Wilhelm im Küchenbau des Karlsruher Schlosses eingerichtet. Sie diente zunächst nur den Angehörigen des markgräflichen Hofes und den öffentlichen Krankeninstituten zur Versorgung mit  Arzneimitteln. Aber auch die Armen der Stadt erhielten dort Medikamente.

Als 1761 die Hofapotheke in den Bibliotheksbau zwischen Schloß und Marstall verlegt wurde, befand sie sich unmittelbar neben dem seinerzeit berühmten Naturalienkabinett der Markgräfin. Noch heute lagern in der Hofapotheke die Heilpflanzen und Teedrogen in den sogenannten Brandtruhen aus dem 18. Jahrhundert, als die Apotheke sich noch im Karlsruher Schloß befand.

1833 wechselte die  Hofapotheke, dem Geist der Zeit folgend, ihr Domizil und zog ins ehemalige Palais der Markgräfin Amalie gegenüber ihrem heutigen  Standort, doch immer in der Nähe des Schlosses, bzw. der Waldstraße gelegen.  Erst  1881 kam sie

dort unter, wo sie heute steht, nämlich Ecke Wald- und Lange- bzw. Kaiserstraße, zunächst aber noch in einem Haus, das in den 1890er Jahren abgerissen wurde. 1900/01 wurde ihr sodann  durch den Architekten Hermann Billing an derselben Stelle, heute Kaiserstraße 201,  eine wahrhaft repräsentative Bleibe errichtet, „zur Nutzung der ehemaligen großherzoglichen Hof-Apotheke“, wie es hieß.

Die älteste Apotheke Karlsruhes, Ecke Wald- und Kaiserstraße, ist ein Kleinod in der Karlsruher Fußgängerzone,  nicht nur von außen, auch in ihrem Innern. Über dem Verkaufstisch befindet sich noch ein Jugendstil-Leuchter aus der Gründerzeit. Eine Wendeltreppe führt ins Obergeschoß zum Warenlager. Rechts außen am Haus symbolisiert eine Steinskulptur die griechische Göttin Hygieia mit der Schlange, von der Göttin der Gesundheit aus einer goldenen Schale genährt. Links Hypnos, der Gott des Schlafes, mit der Eidechse.

Wappen der Hofapotheke

 

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Karin Bruder

Die Verwirklichung einer Vision

Ohne Mantel eilte ich zum Audimax. Irgendetwas musste dort passiert sein. Bereits auf Höhe der Mensa angekommen, fiel mir ein, dass ich meinen Geldbeutel mit seinem Foto darin achtlos auf dem Schreibtisch hatte liegen lassen. Ich konnte nur hoffen, dass Frau Hufschmied diskret genug war, nicht in meinen Sachen zu wühlen. Der Audimax lag im Frühnebel verborgen, es war ein kühler Oktobertag. Mich fröstelte. Nur das dunkle Vordach der Vorhalle ragte wie die Schwanzflosse eines gigantischen Hais aus dem Nebelschleier hervor. Trotzdem standen die Eingangstüren sperrangelweit offen, Handwerker in blauen Schutzanzügen liefen hin und her und ich spürte, wie ihre Nervosität sich sofort auf mich übertrug. Unruhig betrat ich die Halle. Da durch die sechs Meter hohen Glasfenster genügend Licht dringen konnte, waren die Hängelampen nicht einschaltet worden. Erst später begriff ich: Die gesamte Elektrizität war ausgefallen, denn der erst vor sechs Jahren eingeweihte Audimax war in der Nacht überflutet worden und hatte wie ein altersschwaches Boot Leck geschlagen. Als ich den Hörsaal betrat, stand das Wasser immer noch bis zu vier Zentimeter hoch. Ich starrte bekümmert auf meine neuen Stiefeletten. Ebenso besorgt betrachtete ich den edlen Parkettfußboden, der nicht mehr hellbraun, sondern dunkel verfärbt unter den Fluten hervorschimmerte.

Eine Reinigungsfrau war am frühen Morgen auf den Schaden aufmerksam geworden, das hatte mir meine Sekretärin atemlos berichtet, vom Ausmaß hatte ich jedoch keine Ahnung gehabt.

    „Was ist denn hier los?“, fragte ich in ziemlich barschem Ton einen der Handwerker, der aber nur mit den Schultern zuckte. Ich hatte schlecht geschlafen. Erstens weil ich immer wieder an ihn hatte denken müssen und unserer Begegnung mit klopfendem Herzen entgegenfieberte, zweitens hatten wirre Träume mich aus dem Schlaf gerissen, sobald ich auch nur kurz eingenickt war. Meine Versuche, die Tränensäcke vor dem Spiegel zu überschminken, waren kläglich gescheitert. Wie sollte ich ihn da beeindrucken oder für mich einnehmen? Es war aussichtslos. Es war Wahnsinn, sich auch nur eine Sekunde lang der Hoffnung hinzugeben, er würde mich länger als nötig anschauen. Meine Gefühle ließen sich indes von solchen Überlegungen nicht beeindrucken.  Während ich auf eine Erklärung von Herrn Kanus, dem Werkstattleiter, wartete, drängte sich immer wieder sein Gesicht vor mein inneres Auge. Es bestand kein Zweifel: Ich hatte mich in das Pressebild von Hans Kugler verliebt.

 „Es gibt nicht den kleinsten Hinweis.“ Der Capo der Handwerkertruppe war ein Riese mit mehreren übereinanderliegenden Hüftringen, der mich in Höhe und Breite um zwei Kopflängen überragte.

   „Aber es muss doch eine Ursache geben?“, insistierte ich und winkte auch die beiden Hausmeister heran.

Ein allgemeines Schulterzucken brandete mir entgegen, ich fühlte mich wie am Meer und als wolle mich dieses Bild begleiten, verspürte ich einen ungewöhnlichen Sog, der mich immer stärker erfasste, mich regelrecht hin- und herschüttelte, als hätte ich Fieber. Ich schob es auf den Schlafmangel, ging rasch, damit die Drei meinen Zustand nicht bemerkten, zu den Sitzreihen und stellte fest, dass sie trocken waren.

„Welch ein Segen, dass sich die Reihen halbkreisförmig nach oben ausdehnen“, murmelte ich halblaut. So würden wenigstens die Journalisten und die über fünfhundert geladenen Gäste im Trockenen sitzen. Aber er und ich, wir würden unten stehen. Dann erst fiel es mir ein.

   „Und die Medaille?“ Vor mir drehten sich die Sitzreihen und auch ohne Spiegel wusste ich, dass ich soeben leichenblass geworden war.

   „Welche Medaille?“, wollte Kanus wissen. Meine Güte, ich hatte die Medaille, die Kugler auf seiner Raumfahrt dabei gehabt und der Universität heute offiziell zurückgeben wollte, gestern nach der Generalprobe liegen lassen. (Ja, hier müßte kurz erwähnt werden, dass kugler, evtl. weil er so vergeßlich ist, das Ding aus Sicherheitsgründen tatsächlich schon vorher durch einen Boten hat schicken lassen. Sonst fragt man sich, warum hat er es nicht selbst mitgebracht?)

   „Nichts“, stotterte ich, hastete zum Pult und atmete erleichtert aus. Sie war da. Lag wie ein kleiner Schatz in dem mit rotem Samt ausgelegten Kästchen. Erleichtert ließ ich es in meine Jackentasche gleiten. Weil Kugler aus Wien angereist kam und die Medaille zu Hause vergessen hatte, war sie gestern per Expressbrief eingetroffen. Fast wäre wieder etwas schief gelaufen.

   „Das Dach ist intakt“, holte einer der Hausmeister mich in die Wirklichkeit zurück. „Nirgends sind  Risse oder Löcher entdeckt worden.“ Gemeinsam starrten wir die holzvertäfelte Decke an. Es brennt kein Licht, fiel mir erneut auf. Der riesige Saal des Audimax war ohne Kunstlicht nicht viel Wert.

   „Und kriegen Sie das mit dem Strom hin?“

   „Die Elektriker arbeiten fieberhaft.“

   „Fieberhaft“, wiederholte ich lachend. Doch es war ein trauriges Lachen. Mir war warm. Verstört griff ich mir an den Blusenausschnitt, öffnete die oberen Knöpfe. Dann bückte ich mich, um die Wassertemperatur zu prüfen.

   „Das muss doch von irgendwoher kommen?“

   „Thermalquelle“, grinste einer der Hausmeister.

 Das Wasser war weder kalt noch warm, ließ keine Rückschlüsse zu, ob es aus einem geplatzten Heizungsrohr stammte oder nicht. Schweißperlen sammelten sich auf meiner Stirn, ich atmete heftig ein und aus und dachte darüber nach, dass unglaublich viele Zustände unerklärlich waren, dazu gehörte bestimmt auch der Zustand der Verliebtheit.

    „Machen Sie weiter“, wandte ich mich erneut an den Capo. „Ich muss mir neue Schuhe anziehen, sonst werde ich krank.“ Mit einer roten Erkältungsnase wollte ich dem berühmten Hans Kugler keinesfalls unter die Augen treten.

   „Sie können nicht gehen“, der große Menschenberg legte fürsorglich seine Hand auf meinen Arm, „der Rektor hat angerufen, Sie sollen auf ihn warten.“

   „Ist ja gut.“ Ich schüttelte die fremde Hand ab, fast hätte ich geknurrt. Was war los mit mir? Bestimmt ist mein Zustand auf die Übernächtigung zurückzuführen, beschwichtigte ich mich. So rasch wird man nicht krank. Nicht schon wieder. Während sich mehrere Pumpen lautstark bemühten, das Wasser aus dem Saal abzusaugen und die Handwerker damit beschäftigt waren, die Wände mit übergroßen Ventilatoren trockenzulegen, holte ich einen Taschenspiegel heraus und betupfte meine Wangen mit Puder. Ein Blick auf die Uhr verriet, es waren nur noch fünf Stunden bis zu Hans Kuglers Eintreffen.

 


    „Noch ein bisschen Rouge?“

Ich drehte mich um.

  „Ja, Chef, das muss schon sein. Ich bin irgendwie durch den Wind. Ihn hier zu begrüßen ist schon etwas ganz Besonderes. Und nun diese Sauerei.“

  „Schrecklich. Haben Sie schon mit dem Architekten gesprochen, was meint er?“

  „Nicht erreichbar. Aber der damalige Bauleiter ist unterwegs. Niemand kann sich erklären, woher das Wasser kommt.“

   „Jetzt hören Sie doch endlich mit dem Gepudere auf.“

   „Es ist, weil, weil ich aufgeregt bin.“

   „Sie waren damals nicht dabei, nicht wahr.“ Ich schaute ihn ratlos an. „Damals, als wir ihm die Ehrenmedaille überreicht haben“, fuhr mein Chef fort. „Sie waren krank. Wirklich, Sie sehen auch jetzt nicht gut aus! Gehen Sie heim.“

   „Auf keinen Fall. Ich kann gar nicht. Sehen Sie sich diese Schweinerei an. Die Handwerker sagen, dass man überhaupt nicht weiß woher das Wasser …. .“

   „Das sagten Sie bereits“, winkte der Rektor ungeduldig ab. „Also gut! Ich kann mich auf Sie verlassen?“

Entschlossen, nichts Falsches mehr zu sagen, nickte ich.

„Ob das Wasser nun von unten oder oben eingedrungen ist, ist mir herzlich egal. Hauptsache es ist alles trocken, wenn die Presse auftaucht. Es ist Kuglers dritter öffentlicher Auftritt nach seiner Rückkehr aus dem All. Daran sieht man, wir stehen ganz oben auf seiner persönlichen Liste. Das ist gut, das ist verdammt gut“, brummte mein Chef. „Kugler trifft um 14:30 Uhr ein. Holen wir ihn ab?“

   „Leider nein, er kommt mit dem Wagen.“

 Hans Kugler, Physiker und Astronaut, in dritter Ehe verheiratet mit Elke Hagele, Vater von fünf Kindern, war im Februar eine Ehrenmedaille der Fredericiana überreicht worden. Sie hatte ihn auf seinem Flug zur Internationalen Raumstation ISS begleitet. Nun sollte sie in einem Festakt zurückgegeben werden.

Ich musste Hans Kugler dann doch abholen. Kurz vor 14 Uhr stellte meine Sekretärin ein Gespräch durch. Kugler würde in zwanzig Minuten am Hauptbahnhof Karlsruhe eintreffen. Er erwartete abgeholt zu werden.

   „Verdammt, wie konnte das passieren?“, fragte ich zum zweiten Mal an diesem Tag. Rasch legte ich ein bisschen Puder auf, dann rannte ich zu meinem Wagen und fuhr los. Schon wieder hatte ich meinen Mantel vergessen, ich würde krank werden, das stand fest. Es war gut, dass die Fahrt über zehn Minuten dauerte. So konnte ich mich beruhigen. Was dachte der sich eigentlich? Konnte ihm das nicht früher einfallen, seine Lust mit der Bahn zu reisen? Bildlich hatte ich die Mail vor Augen, in der er mir mitgeteilt hatte, dass er mit dem Wagen anreisen würde, weil er es liebte über deutsche Autobahnen zu rasen. Etwas, das ihm in seinen Jahren in den USA sehr gefehlt habe. Doch meine Verärgerung verflog rasch, machte dem Lampenfieber Platz, das sich nicht mehr unterdrücken ließ und mit jedem gefahrenen Meter wuchs.

Ohne zu zögern parkte ich direkt vor dem Haupteingang des Bahnhofs, in der für Taxis reservierten Zone. Verwünschungen prasselten auf mich nieder. Doch das war mir egal. Eine strahlende Oktobersonne hatte sich durch die Nebelschleier erhoben, Karlsruhe zeigte sich von seiner schönsten Seite und ich konnte einigermaßen zufrieden sein. Der Audimax war für die Feierlichkeiten gerüstet, das Büffet vorbereitet, die Elektriker hatten ihr Bestes gegeben und das Kästchen mit der Medaille lag auf meinem Schreibtisch. Ich musste nur daran denken, Kugler die Medaille vorher zuzustecken. Und jetzt galt es den Meister zu finden. Er würde mir dankbar sein, dass ich ihm seine unentschlossene Art nicht vorhielt, er würde mich dafür loben, dass ich ihn persönlich abholte, er würde mir Geheimnisse von seiner Weltraumreise verraten, die er nur Freunden anvertraute. Er würde sich in mich verlieben.

    „Würden Sie bitte Ihren Wagen wegfahren, sonst muss ich die Polizei holen.“ Ich hatte gerade einer der doppelten Flügeltüren am Bahnhof erreicht, ich hatte gerade meine Hand ausgestreckt, da fasste mich jemand am Arm. Die Türen zum Eingang eines Hauptbahnhofes sollten breit sein, finde ich. In Karlsruhe waren sie schmal. Als ich mich umdrehte, einen jungen Chinesen entdeckte und ihn fragte was er von mir wolle, drängten sich zwei Mädchen an uns vorbei. Sie stießen dabei mit einer Frau zusammen, die das Gebäude verlassen wollte. Nicht weiter dramatisch, doch durch den Zusammenprall der Drei wurde ich zur Seite gedrückt und durch mich krachte der Asiate gegen die Betonwand. Ich hörte Knochen knacken, ich hörte den Mann aufschreien. Mein Oberkörper lag in seinen Armen, wir hielten uns in einer steifen Umarmung fest.

   „Pardon“, japste er.

Zuschauer mussten denken, dass wir uns leidenschaftlich begrüßten oder verabschiedeten.

   „Du lieber Himmel!“, stieß ich hervor und wunderte mich, dass dieser Chinese perfekt zu mir passte. Kein bisschen zu groß, kein bisschen zu klein.

   „Sie stehen direkt vor meinem Taxi.“ Seine Stimme zitterte, während sein Gesicht eine ungesunde Farbe bekam.

   „Lassen Sie mich doch los, umso schneller fahre ich den Wagen weg.“

Als hätte ich ihm mit meinen Worten den Todesstoß versetzt, sank er vor meinen Augen zu Boden, eine Hand auf die unteren Rippenbogen gelegt. Erschrocken schaute ich mich um. Die beiden Mädchen, die Frau, sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

„Ich kann Ihnen jetzt nicht helfen“, stotterte ich, „hier, meine Karte.“ Eilig fischte ich eine Visitenkarte aus meiner Tasche, drückte sie ihm in die Hand, dann eilte ich davon.

Karlsruhe besitzt keine Anzeigetafel für die einfahrenden [b2] Züge. Ich musste zu einer der Schautafeln eilen, um herauszufinden, auf welchem Bahngleis Kugler wohl ankommen würde. Als ich mich noch einmal kurz zu den Eingangstüren umdrehte konnte ich sehen, dass sich Mitfühlende um den Chinesen kümmerten.

 

4

    „Na endlich. Sind wir nicht ein bisschen spät dran?“

Kugler stand bereits unten an der Treppe, einen kleinen Koffer in der Hand. Wie er mich erkannt hatte, war mir ein Rätsel. Ich hätte ihn nicht erkannt. Enttäuschung machte sich in mir breit und ich merkte, wie meine Mundwinkel nach unten wanderten. Kugler war kleiner als ich. Und mit dem Pressefoto hatte er überhaupt nichts gemein. Ich sah das Bild vor mir. Ein gut aussehender junger Mann steckte in einem orangefarbenen Weltraumanzug und hielt einen nicht ganz so gut aussehenden, suppentopfgroßen Astronautenhelm liebevoll umschlungen. Im Hintergrund flatterte die amerikanische  Flagge und drückte aus, worauf er stolz sein konnte, er gehörte zu den Siegern. Und zusätzlich war sein Gesicht durch ein jugendliches Lachen verschönt, das ich mir an diesem Fremden nicht einmal vorstellen konnte. Dieses jugendliche Lächeln also, diese zufriedene und zärtliche Geste, mit der er den Helm an sich zog, sie hatten mich für ihn eingenommen. Der Mensch aber, der mir jetzt gegenüberstand, lächelte nicht, sondern beobachtete mich wie ein Insekt unter dem Vergrößerungsglas. Ein Insekt, das in seiner Sammlung fehlte. Da wusste ich, wodurch er mich erkannt hatte, aus meiner Handtasche baumelte eine Einkaufstasche mit dem Logo der Karlsruher Uni.

„Ihre Handtasche ist offen“, krächzte Kugler. Der Chinese fiel mir ein und dass an diesem Tag alles ver-rückt und nicht an der richtigen Stelle zu sein schien.

   „Dr. Hans Kugler?“, fragte ich überflüssigerweise.

Kugler war nachlässig gekleidet. Neben der grünen Daunenjacke fiel mir seine Jeans unangenehm ins Auge. An den Füßen trug er Sportschuhe, einer mir unbekannten Marke. Ich hätte mir Lederschuhe gewünscht. Ich hätte mir so vieles gewünscht. Sein Gesicht war durch einen Vollbart zugewuchert, glich der Fassade einer alten Villa. Und als würde das alles noch nicht reichen, zierte sein Kopf ein kariertes Hütchen, wie es in letzter Zeit Teenager zu tragen pflegen.

Weil er nicht antwortete plapperte ich weiter: „Ja, wir sollten los, Herr Kugler. Es gab ein Unglück, deshalb bin ich zu spät. Entschuldigen Sie bitte. Eigentlich gab es mehrere. Unglücke, meine ich. Heute morgen schon. Aber herzlich willkommen in Karlsruhe.“ Ich drückte seine mir zugewandte Hand. Sie war sehr trocken und bei der Berührung zuckten wir zusammen.

   „Vorsicht, ich bin geladen“, lachte er, „seit ich zurück bin, passiert das andauernd.“

Ich roch plötzlich den beruhigenden Duft von Rasierwasser, wusste aber nicht, woher der Geruch kam.

   „Was denn?“ Wir durchquerten die Halle. Meine Augen suchten den Chinesen. Dass ich ihn nirgends entdecken konnte, wertete ich als gutes Zeichen, dennoch breitete sich erneut Enttäuschung in mir aus.

   „Na, dass ich elektrisch aufgeladen bin.“ Kugler schüttelte den Kopf, betrachtete meinen Kleinwagen und stieg erst nach kurzem Zögern ein.

   Eine Stunde später standen wir im Audimax. Ich war gerade dabei mich zu entspannen, als ich erfuhr, dass es an der Einfahrt zum Universitätsgelände zu einem Auffahrunfall gekommen war. Wir warteten auf Prof. Dr. Hegers, der die einführenden Worte sprechen sollte. Durch die geöffnete Tür drang das Summen einer Polizeisirene.

„Mist“, wisperte ich. „Nicht schon wieder. Erst dieser unerklärliche Wassereinbruch und jetzt … .“ 

 „Keine Details“, winkte Kugler ab. Mir war immer noch flau in Kuglers Nähe, obwohl ich es jetzt nicht mehr den Hormonen zuschreiben konnte. Dieser Mann interessierte mich nicht mehr. Weil es aber zu meinem Job gehörte, hatte ich ihn freundlich ausgefragt. Vor allem nach seiner Familie und ob er seine Kinder sehr vermisst habe? Ob man träumen würde im Weltall? Gleich oder anders als auf der Erde? Was sei das überhaupt für ein Gefühl, im All unterwegs zu sein? Nachdem er mir auf diese und ähnliche Fragen nur knappe Antworten gegeben hatte, setzte ich zu einer Erläuterung der Geschehnisse auf dem Unigelände an, doch auch für dieses Thema schien er sich nicht erwärmen zu können. Beinahe brüsk drehte er mir den Rücken zu und wandte sich an meinen Chef:

   „Ich habe die Erde von oben gesehen, als ein Ganzes, wissen Sie, da interessieren einen Kleinigkeiten nicht mehr. Wasserrohrbrüche zum Beispiel. Aber, das hier, interessiert mich doch. Dieser schöne Saal, marvellous. Wie heißt der Architekt?“, Kugler drehte sich im Kreis. Dabei quietschten seine Schuhsohlen unangenehm laut, erinnerten an den Schrei einer Katze.

   „Das weiß unsere gute Frau Gaus.“

   „Nein, weiß sie nicht“, antwortete ich. „Hab’s vergessen, tut mir leid.“

In der Hoffnung die Situation retten zu können überhäufte mein Chef Kugler mit allen Informationen zum Audimax, die ihm auf die Schnelle einfielen.

   „Wissen Sie, jahrzehntelang fehlte der Universität ein repräsentativer Raum. Für große Veranstaltungen mussten wir auf den technisch veralteten Gerthsen-Hörsaal ausweichen oder sogar Kinosäle anmieten. Seit 2002 ist dies nun endlich vorbei. Das hat das Land und den Bund eine Stange Geld gekostet. Über zwölf Millionen. Aber das ist ja nichts, gegenüber so einer bemannten Raumfahrt, nicht wahr?“

Kugler sagte nichts, also fuhr mein Chef fort:

„Knapp dreitausend Quadratmeter können wir jetzt für Ausstellungen und Konferenzen nutzen. Und in diesem Hörsaal dürften sich im Augenblick über fünfhundert Personen befinden. Siebenhundertfünfzig passen hinein. Die sind alle wegen Ihnen da, Herr Dr. Kugler.“ Kugler schwieg immer noch, doch auf seinem Gesicht lag jetzt ein stolzes Lächeln. Durch die Seitenfenster fielen helle Lichtstrahlen, zauberten Streifen auf den dunkel schimmernden Holzfußboden.

Mein Chef wandte sich an mich.

   „Was machen Sie für ein griesgrämiges Gesicht, Frau Gaus? Prof. Hegers ist noch nicht eingetroffen? Wir fangen trotzdem an, dann muss ich eben improvisieren. Die Leute wirken schon bedrückt, finden Sie nicht auch.“

   „Ja, fangen wir an.“ Erst jetzt fiel mir auf, dass in dem großen Raum tatsächlich eine erstaunliche Stille herrschte. Lediglich vom Foyer her war das Klappern von Geschirr zu hören. In den fünf Jahren meiner Tätigkeit als Pressesprecherin hatte ich noch nie ruhige oder gar bedrückte Journalisten erlebt. Heute Abend gehe ich früh zu Bett und morgen früh melde mich krank, beschloss ich.

   „Columbus: Die Verwirklichung einer Vision.“ Mit diesen Worten leitete der Rektor den Abend ein. Dann sagte er alles, was ihm zum Thema Christoph Kolumbus, auch spanisch Cristóbal Colón oder italienisch Cristofero Colon genannt, einfiel. Es war viel aber es wurde allen im Saal klar, dass er zwar einiges über die Seefahrt, aber recht wenig über die Raumfahrt zu sagen wusste. Danach sprach Kugler. Er war besser vorbereitet. Mit überzeugenden Worten hob er die Bedeutung des europäischen Weltraumforschungslabors hervor und wie proud er sei und wie marvellous alles gewesen sei. Ich war beeindruckt von dem gut strukturierten Vortrag, obwohl ich mich immer wieder dabei ertappte, dass ich unruhig auf meinem Stuhl hin- und herrutschte. Immer noch war mir abwechselnd warm und kalt. Die Wechseljahre konnten es nicht sein, ich war erst fünfunddreißig. Auf der Projektionsleinwand hinter Kuglers Rücken wurden beeindruckende Bilder von seinem Ausflug ins All gezeigt. Ich fand es nicht selbstverständlich, dass einer der in Physik ein Ass war und zudem alle körperlichen und seelischen Voraussetzungen für eine Astronautenlaufbahn erfüllte, auch einen guten Vortrag halten konnte, fast fühlte ich wieder zaghafte Gefühle in mir hochsteigen.

   „Das tagelange Stillsitzen“, erklärte Kugler gerade, „gehört nicht gerade zu meinen Stärken und die Entbehrung, denen man auf so engem Raum ausgesetzt ist, ebenfalls nicht, aber das alles galt es auszuhalten, um die dauerhafte europäische Präsenz in der ISS zu gewährleisten … . “

Begeisterter Zwischenapplaus brandete hoch, doch ich hörte auch etwas anderes, etwas, das mich an das Plätschern eines Brunnens erinnerte. Aber im Saal gab es keinen Brunnen, auch im Foyer nicht und meine Unruhe wuchs, desto stetiger das plätschernde Geräusch anhielt. Mit neugierigem Blick beobachtete ich das Publikum, doch niemand schien sich ablenken zu lassen. Bildete ich mir das Geräusch nur ein? Mein Chef stieß mich an, und deutete auf die Schatulle.

   „Was?“

   „Ihr Einsatz“, zischte der Rektor.

   „Ja.“ Ich trat ans Pult. Offensichtlich war Kugler mit seinem Vortrag an der betreffenden Stelle angelangt und ich hatte es nicht gemerkt. Rasch wischte ich mir mit dem Handrücken über die Stirn. Sie war klatschnass.

   „Bitte“, erwartungsvoll stand ich vor Kugler. Als er die aus dem All wieder mitgebrachte Medaille in das vorbereitete Kästchen sinken ließ, ging ein kollektiver Seufzer durchs Auditorium. Roter Samt wurde von Geschichte berührt und die Menschen wurden von dem feierlichen Akt berührt. Sogar mein Chef grinste gerührt. Nur ich schien zu spüren, dass irgendetwas nicht stimmte. Wie gebannt starrte ich auf die goldene Medaille. Eine unglaubliche Hitze ging von ihr aus, so dass ich erschrocken die Schatulle zuklappte und sie zum zweiten Mal an diesem Tag in meiner Jackentasche versenkte.

    „Das ist ein ganz ganz besonderes Erinnerungsstück an das Ereignis der Columbus-Mission“, seufzte der Rektor ins Mikrofon und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Unter zahlreichen Verbeugungen versicherte er, dass die Medaille einen Ehrenplatz erhalten würde und es ein wunderbarer Brauch der Raumfahrt sei, Memorabilia mitzunehmen. „Aber schließlich hat die Bundesrepublik auch zweiundvierzig Prozent der europäischen Kosten der Raumstation mitgetragen, nicht wahr.“ Der Zusammenhang schien dem Publikum nicht klar zu sein, ein Raunen wurde hörbar. „Unser Forschungslabor wird die dauerhafte europäische Präsenz in der ISS gewährleisten, da bin ich mir sicher.“ Mein Chef war nicht zu bremsen. Wie kam er auf die Idee, dass die Karlsruher Universität von unserem Forschungslabor reden durfte? Eine Sekunde später vergaß ich diesen und ähnliche Gedanken. Denn als ich an meinen Knöcheln unangenehm kühles Wasser vorbeischwappen spürte, wusste ich, dass ich mir die Bedrohung nicht einbildete. Ich musste handeln.    „Und wie wird ihr Job in Zukunft aussehen, herumreisen, Vorträge halten?“, fragte ich Kugler, hängte mich bei ihm ein und zog ihn so rasch wie möglich vom tiefstgelegenen Punkt des Saales fort, während das Publikum anhaltend klatschte. Plötzlich war mir klar: Ich wollte ihn nicht in Sicherheit bringen, weil mir an ihm als Mensch so viel lag oder weil er Vater von fünf Kindern war, sondern weil er der wohl teuerste Mensch war den ich kannte. In seine Ausbildung und Ertüchtigung hatten die Bundesrepublik und die USA sehr viel Geld investiert. Ja, schade um das Geld, denn ich habe es nicht geschafft ihn zu retten.

Wir hatten den Ausgang zum Foyer noch nicht erreicht, als sich hinter uns ein breiter Wasserstrom unter den Tischen durchschob, neben denen wir gerade noch gestanden hatten. Gleichzeitig lösten sich die ersten Lampen aus den Verankerungen. Ich sah es, bevor ich sie aufschlagen hörte. Kurze Zeit später krachte ein Teil der Deckenkonstruktion ein und begrub die ersten Opfer unter sich. Mehrere Tonnen Holz donnerten zu Boden und ließen nur noch Bretter in Streichholzgröße zurück. Z