Returning? Sign In New to Poesipedia? Register
Karlsruher Orte Teil 2
 

Fortsetzung

Die Verwirklichung einer Vision

von Karin Bruder

Zu Tode erschrocken drehte Kugler sich um. Menschen schrieen in Panik. Gellende Rufe vermischten sich mit dem Geräusch einstürzender Wassermassen. Die Schritte hinter uns nahmen an Lautstärke zu, wer nicht verletzt war, versuchte sich durch die engen Ausgänge in Sicherheit zu bringen.

    „What?, fragte Kugler irritiert und riss sich von meinem Arm los. Der Wissenschaftler in ihm schien begreifen zu wollen, woher die Erschütterungen und die Wassermassen kamen. „What happens?“

    „Egal, wir müssen raus.“ Entschlossen griff ich zu, bekam seine Hand zu fassen, zerrte ihn in den gläsernen Vorbau und sah mich bereits mit ihm durch die hohe Glastüre hinausrennen. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen, vielleicht hätte er in einem Winkel des Hörsaals überlebt, doch ich zog ihn mit mir. Und keinen Augenblick lang, das schwöre ich, habe ich an das Büffet gedacht. Dabei hatte er mich auf der Fahrt zur Uni nach dem Essen ausgefragt. Ganz detailliert hatte er sich erklären lassen, mit welchen Höhepunkten zu rechnen sein würde. Im Vorraum also stand das Büffet. Unberührt. Matt glänzende Lachsscheiben nickten uns zu, aufgespießte Erdbeeren lockten mit grellem Rot, geköpfte Ananasstauden waren mit mehrfarbigen Käsewürfeln gespickt. Es roch fantastisch, das gebe ich zu, doch nie hätte ich es für möglich gehalten, dass man sich angesichts einer ausbrechenden Massenpanik für eine halbes Ei mit Kaviar und gegen das Leben entscheiden kann. Doch genau das tat Kugler. Er riss sich erneut von mir los und stürzte sich wie ein Verhungernder auf das Büffet, griff nach einer Eihälfte, sperrte den Mund auf und schob die Delikatesse hinein. Während zeitgleich eine Glasscheibe neben ihm zerbarst. Ich sah ihn fallen, ich sah das Blut, ich sah eine Hand wegrollen, die jede Verbindung mit dem Restkörper verloren hatte. Es war vielleicht die Hand, die ich eben noch festgehalten hatte. Verdammt, dachte ich, nein, rief ich, dann drängte ich ins Freie und übergab mich am Stamm eines Baumes. Ein erneuter Einschlag war zu hören, Glassplitter landeten neben mir im Gras, doch ich beachtete sie kaum. Irgendjemand schrie: „Feuer“, ein anderer Veranstaltungsteilnehmer: „Das muss ein Ufo sein. Wir sind verloren.“

Ich nahm die Welt nur noch durch einen Schleier wahr. Ich rief nach meiner Mutter, ich kroch über einen Baumstamm, ich humpelte durch hüfthohes Gras, ich stolperte bis an den Rand eines Teiches, ich versuchte zu trinken, doch meine Hand zitterte so stark, dass ich keinen Tropfen Wasser auffangen konnte. Als ich mir einen Schuh abzuziehen versuchte, stellte ich fest, dass meine Füße von Brandblasen übersäht waren und ich fragte mich, wo meine Schuhe geblieben waren. Ich weinte, ich sehnte mich nach einem Bett, ich starrte auf meine Jacke, die einem Fetzen gleich an mir hing. Mein rechter Arm, der nackt herausragte, glühte. Ich griff in meine Jackentasche, ich entnahm die Schatulle mit der Medaille, ich holte aus, ich warf beides in den Teich. Dann brach ich zusammen.

 

Als ich wieder zu Bewusstsein kam, beugte sich ein junger Mann über mich. Über ihm sah ich nichts als blauen Himmel. Ich liege also immer noch im Freien, war mein erster Gedanke, dann fiel mir auf, dass es sehr warm war, frühlingswarm. Vogelgezwitscher war zu hören. Das Gesicht des Mannes kam mir bekannt vor. Er lächelte. Seine Augen waren schmal und sehr dunkel, die Haare jedoch hell. Auf der einen Seite erinnerte er mich an den Chinesen, mit dem ich am Nachmittag (oder sonst irgendwann) zusammengeprallt war. Auf der anderen Seite …, ich hielt die Luft an, der Typ sah auch aus wie Kugler, wie der junge, bartlose Kugler, auf dem Pressefoto. Zwei Menschen waren miteinander verschmolzen. Ich war glücklich.

BNN, vom 28.10.2008

Während des Empfangs des deutschen ESA-Astronauten Dr. Hans Kugler am Montag, 24. Oktober, um 15:30 Uhr, im Audimax durch den Rektor der Universität Karlsruhe (TH), kam es zu einem schrecklichen Zwischenfall, mit zahlreichen Verletzten. Auf dem Flug zur Internationalen Raumstation ISS hatte Hans Kugler eine Medaille mit sich geführt, die er an die Fredericiana zurückgab. Dabei muss es zu einem ungeplanten Austausch von kosmischer Energie gekommen sein, so dass ungeklärte Blitzeinschläge und Wassereinbrüche dazu führten, dass der erst vor wenigen Jahren erbaute Audimax wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzte. Wie durch ein Wunder sind nur wenige Menschenleben zu beklagen. Der Astronaut Dr. Hans Kugler und die Pressesprecherin Dipl. Ing. Renate Gaus sind jedoch seit jenem Nachmittag spurlos verschwunden. Die Raumfahrt wird sich nun darum kümmern müssen, wie solche oder ähnliche Zwischenfälle in Zukunft vermieden werden können.

****************************************************************************************

Renate Schweizer

Karlsruhe kennen – Karlsruhe lieben?

Eine Gedanken-Revue

 

In den 70er Jahren hörte ich von Karlsruhe zum ersten Mal. Die RAF ermordete hier Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinen Fahrer Wolfgang Göbel und den Justizbeamten Georg Wurster. Der 7. April 1977 war ein Schreckenstag für Bürger, die Justiz, den Staat.

Mein erster Besuch in Karlsruhe war Anfang der Achtziger: Im Dörfle erlebte ich  einen Kulturschock. In einem der Kinos dort habe ich  „Unter’m Dirndl wird gejodelt“ mit Konstantin Wecker in einer Nebenrolle gesehn. Danach bin ich schnell weiter nach Straßburg zum Frühstücken gefahren.

Was, um Himmels Willen hat mich also  in den 90ern vom Ruhrpott nach Karlsruhe getrieben? Nach all den Zwischenjahren ruhelosen Wanderns und Umherziehens? Die „Ruhe“ vielleicht? Oder die Nähe zur Heimat?

Die „Wirkstatt“ war’s, mit ihren Percussion- und Trommelfesten, workshops und toskanischen Celidonia. Das Marotte-Figurentheater, das Afrika-Festival, die Alb, Bad Herrenalb und die Lechler-Klinik.

Mitte der 90er Jahre, das war die Zeit, in der ich glaubte, die Frauenbewegung sei inzwischen auch in Karlsruhe angekommen. Mit lila Fahne und Lippen radelte ich am Internationalen Frauentag zur Frauendemo auf den Kronenplatz. Doch außer mir trug keine  d i e  Farbe und mein Fähnchen wehte einsam im bewegten Demowind.

Nichtsdestotrotz gab es eine kleine wagemutige Truppe von Mitstreiterinnen, die sich einen „Palast für Frauen“ wünschten. Engagiert, voll Fantasie und Witz wirbelten sie so manche Jahre – ehrenamtlich. Doch irgendwann waren Kraft und Hoffnung versiegt, Träume verschlissen und eine wunderbare Idee begraben. Das Kind „Frauen am Markt“ konnte nur ein paar Jahre auf den dünnen Beinen stehen.

Zwar ist Karlsruhe die Geburtsstätte der GRÜNEN und des ersten Gymnasiums für Mädchen in diesem Lande. Aber eine grüne Bürgermeisterin, Monika Knoche oder Monika Storck, wollte man nicht und schon gar keine Frau als Oberbürgermeisterin aus der SPD wie Heinke Salisch. Immerhin gab und gibt es noch Regina Halmich, aber die kämpfte im Boxring und nicht auf dem politischen Parkett.

Und was ist mit der Kultur?

Architektur, Bildende Kunst, Musikhochschule und KIT, ZKM, Städtische Galerie und die ART, das Staatstheater und Kreativpark Ost.... Auch eine Tageszeitung gibt es, eine,  die den öffentlichen Wert von Kultur in Karlsruhe bestimmt ... und nicht zu vergessen die vielen Einzelkämpfer, denen das Wasser bis zum Hals steht....

Alternative Projekte von einst haben sich inzwischen etabliert und profiliert. Im Tollhaus tollt das Kapital.

Auf dem Boden und in den Räumen einer ehemaligen Munitionsfabrik in der Südweststadt entstand Brut- und Geburtsstätte für Intellekt, Wissenschaft, Technologie, Kunst und Philosophie in einem: das ZKM und die HfG. Daneben wurden einst idyllische Versteck- und Spielplätze zu einem Gewerbe-Wohngebiet namens Lorenzpark plattgewalzt. Für wildwuchernde Phantasiepflänzchen außerhalb der musealen Hochschulmauern bleibt im Südwesten der Stadt kein Tröpfchen Wasser zum Gießen mehr übrig. 

Dafür hat Karlsruhe aber eine Stadtmarketing GmbH, die sich so einiges einfallen läßt, um die Stadt größer wirken zu lassen. Mit riesigen Schildern und Muttertagsherzen schallt es bis zu den Autobahnauffahrten,  wie viel Karlsruhe vor hat und daß so viel hinter Karlsruhe steckt:  die erste Mail, das erste Fahrrad von Drais, das größte Herz, das größte FEST usw.

So ist rückblickend für mich zu sehen, daß Karlsruhe - wahrscheinlich so wie überall -  eine Stadt der Karle ist und nicht der Karlas. Ob Karlsruhe aber in der Zukunft vielleicht doch ein Ort werden kann für Evas, Judiths und andere Rebellinnen, wird sich zeigen. Ich wünsche es mir jedenfalls...sehr. (Immerhin gibt es hier die GEDOK und eine Welten-Bürger-Decke für Karlsruhe zum 300. Stadtgeburtstag

Damit wäre doch eigentlich...  ein  Anfang gemacht....)

 

********************************************************************************************

 

Renate Schweizer studierte Figurentheater in Bochum sowie intermediale Kunst  am Arts-Institute of Boston, USA und lebt seit 1993 in Karlsruhe. Zahlreiche Buch-Publikationen, internationale Performances und Ausstellungen, Auszeichnungen und Stipendien  seit 1983.

Projekt 2015 – eine Welten-Bürger-Decke für Karlsruhe unter

www.karlsruher-kunstgalerie.eu  und german-contemporary-art.eu

creative.arte.tv und Blog karlsruherweltenbuergerdecke.