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Die Allee der Narren
 

Die Allee der Narren.
(Aus: Atrocidad, die Stadt des Tormentors)
Ralf M. de Pennét

Ich stehe am Ende der Allee und blicke hinab an deren weit entfernten Anfang. Es ist als würde ich in eine raschelnde Narrenschatulle starren. Links und rechts wachsen hohe Bäume, sie ragen in den Morgenhimmel, der gleichgültig darüber bleicht, ob er heute ein sonniger oder wolkiger werden soll.

Ich habe die kleine blaugelb gefleckte Wetter-Amphibie zum unweigerlichen Dörrtod in meiner Rastkammer zurückgelassen und werde in meteorologischer Ungewissheit verharren. Im Blick nach oben, ist vom Himmel - wie gesagt - nur wenig zu sehen. Die Bäume haben im Laufe vieler Zueklen ihre vom Wind hin- und hergebeugten Wipfel zueinander geneigt und bilden unter dem Firmament einen grünen, offenen Dom. Es sind Bäume, die den irdischen Pappeln ähnlich sind. Wir nennen sie Knerrlyys.

Ich stehe also hier, betrachte die Allee und schaue – obwohl von Sonne keine Spur - versonnen in das Oberste dieser feinsten Statiker der Natur. Dann blicke ich wieder an das Ende der Allee und bewundere die Perspektive, die diese unten so zusammengedrückt aussehen lässt, als könne man sich dort an diesem Ende zwischen den Knerrlyys kaum noch hindurchzwängen. Von begleitendem Reise- und Handgebäck ganz zu schweigen. Stünde ich allerdings dort, würde ich – zurückblickend - den gleichen perspektivischen Effekt wahrnehmen.

Daraus ergibt sich eine klare Narrheit. Allerdings kein Naturgesetz. Wohlgemerkt, nur eine Narrheit. Diese Allee hat weder ein Ende noch einen Anfang. Jedes ihrer Enden ist auch jeder ihrer Anfänge - abhängig davon, wo sich der Geher relativ befindet. Diese Erkenntnis – typisch für die Denkweise der Narren - also der Wesen meiner Provinz – besagt, dass eine Gerade keinen Anfang und kein Ende hat. Auf eurer Welt sagt man solches vom Kreis.

So wie man sich in einem Kreisverkehr ewig bewegen kann, ohne jemals an einen Anfang oder ein Ende zu gelangen, geht dies auch auf einer Geraden, wie etwa der Allee, auf der ich mich nun befinde. Ich schaue nach links und werfe einen letzten Blick auf das Gebäude mit seiner befremdenden Architektur. Es würde euch möglicherweise beängstigen. Es ist eine Art Rastheim für Krankdenker. Wir nennen sie Aarrryuniss. Eine Übersetzung in eure Sprache und Denkweise würde zu einem völlig sinnlosen Begriff führen. Was würdet ihr unter einem Hyäneum verstehen? Kaum etwas, das ein Licht der Erkenntnis unter den beinernen Karosserien eurer Köpfe entfachen könnte.

Ich wurde gestern als gesund entlassen und durfte die letzte Nacht noch in meinem kleinen Gemach verbringen. Nun stehe ich hier mit zwei ziemlich prallen Reisehäuten. Ich – endlich ein Gesunddenker oder Klarer, wie es die meisten in den anderen Provinzen meiner Welt zu sein glauben.

Ein Reisefrage bewegt mich nun und ich beginne zu zaudern, weil mich dabei sofort eine abgrundtiefe Unsicherheit erfasst: Werde ich den Endfang dieser Allee - oder die ein wenig davor liegenden Restpassagen - mit meinen Reisehäuten passieren können? Seit siebzehn Zueklen stehe ich vor demselben Problem: am Ende eines jeden - der etwa einem eurer Jahre entspricht, werde ich als Gesunddenker entlassen. Jedes mal drehe ich auf dem halbem Weg zum Anfang der Allee um und kehre zum Ende, oder Anfang - wie sie wollen – zurück, um wieder in die Sicherheit meiner schleimigen kleinen Rastwabe zu flüchten.

Doch nein: dieses und auch kein zukünftiges Mal werde ich diese Beklommenheit erleiden.

Die hochgewachsene Undenkerin steht auf dem letzten Schrittheber zum Emporium des Hyäneum. Sie trägt ein difftery-rotes Kleid, dessen Material ein feines Funkeln emittiert. Es ist jenen Roben ähnlich, die eure Feminen auf Festveranstaltungen anlegen. Ihre hellblonden Schutzsträhnen flattern im Wind und verdecken ihr wunderschönes Physiognom.

Sie lächelt, wie es scheint endgültig wissend und winkt mir einladend zu.